Ich will einen Klassenraum, dem man ansieht, dass sich Menschen kümmern. Die Stühle stehen angeschoben, das Material liegt bereit, der Raum ist sauber. Man kommt rein und kann anfangen. Diesen Zustand möchte ich verlässlich haben, so, als wäre jede Stunde Unterrichtsbesuch. Mein Ziel ist tatsächlich der sauberste Klassenraum der Schule. Ich meine das ziemlich ernst.
Dafür gibt es bei mir feste Teams aus mehreren Kindern, die im wöchentlichen Wechsel den Putzdienst oder den Tafeldienst übernehmen. Die Namen hängen sichtbar im Raum. Verantwortlich ist das jeweilige Team. Ich kontrolliere, und wenn der Dienst nicht gemacht wird, folgen Konsequenzen. Das Grundsystem habe ich in meinem ersten Artikel über Klassendienste ausführlicher beschrieben.
Und das funktionierte bereits. Ganz zufrieden war ich trotzdem nicht. Zugegeben: Ich bin bei solchen Dingen sehr sehr kleinkariert. Stühle nicht ganz rangestellt, Kreidestifte irgendwo statt in ihren Köchern, Bücher irgendwie ins Regal geschoben. Lauter Kleinigkeiten, an denen mein Blick zuverlässig hängen bleibt. Ich musste häufiger erinnern, als ich wollte, und es gab unterschiedliche Vorstellungen davon, wann der Dienst eigentlich erledigt sein sollte und in welcher Güte. „Meistens ganz ordentlich“ reichte mir nicht. Ich wollte einen Klassenraum, der jede gottverdammte Stunde so aussah, als würde gleich eine UPP darin stattfinden.
Also habe ich im vergangenen halben Jahr weiter an dem System geschraubt. Zwischendurch mit dem durchaus berechtigten Verdacht, mich an dieser Sache zu Tode zu optimieren und gehörig kukubanana in der Birne zu sein.
Das Alphabet hält noch keine Gruppe zusammen
Ursprünglich hatte ich die Teams alphabetisch zusammengestellt. Das ging schnell, war übersichtlich und sah auf dem Papier vernünftig aus. Allerdings leistet ein gemeinsamer Anfangsbuchstabe im Alltag erstaunlich wenig Beziehungsarbeit.
Inzwischen achte ich darauf, dass Kinder zusammen Dienst haben, die sich mögen. Freundschaft bindet bei uns besser als die Klassenliste. Das musste ich lernen. Die Kids sprechen sich so eher ab, erinnern einander und wollen gemeinsam fertig werden. Für eine wiederkehrende Aufgabe wie den Putzdienst ist das ziemlich brauchbar. Diese Verbindung besteht schon. Ich kann sie nutzen.
Die Gruppen müssen außerdem groß genug sein. Manche Kolleg:innen haben das System übernommen, dabei aber beispielsweise nur zwei Kinder eingeteilt. Wenn beide krank sind, fällt der Dienst gleich mit aus. Dann stehen zwar Namen auf einem Plan, aber niemand macht die Arbeit. Krankheit ist im Schulalltag nun wirklich kein überraschender Systemfehler. Deshalb bleiben meine Teams so groß, dass sie auch funktionieren, wenn jemand fehlt.

Die Erinnerung muss gegen die Pause ankommen
Dann ist da die Frage, ob die Zuständigkeit im entscheidenden Moment überhaupt wahrgenommen wird. Bei mir hängen einfache, ironische Bilder für Putzdienst und Tafeldienst, daneben deutlich lesbar die Namen. Das soll im Vorbeigehen verständlich sein. Gerade an der Tür, wenn die Kids den Raum verlassen, muss die Erinnerung in ihr Blickfeld kommen.
Ich kenne keinen Jugendlichen, der auf dem Weg in die Pause innehält, um die mit ChatGPT formulierten Dienstregeln in Schriftgröße neun zu studieren. Das liest keine Sau. Wir hängen solche Texte gern auf und behandeln ihre bloße Anwesenheit anschließend wie eine pädagogische Leistung. Dabei kann ein Aushang jahrelang existieren, ohne im entscheidenden Moment irgendeine Rolle zu spielen.
Die Aufgabe ist bekannt. Der Hinweis muss sie wieder in Erinnerung rufen. Dafür reichen ein auffälliges Bild und die zuständigen Namen. Ich möchte, dass der Raum einen Teil des Erinnerns übernimmt. Die Verantwortung soll auch dann präsent bleiben, wenn ich gerade nichts dazu sage.
Darin steckt der Nudging-Gedanke: Die Umgebung wird so gestaltet, dass die gewünschte Handlung leichter in den Blick kommt. Sichtbare Hinweise und Erinnerungen am passenden Entscheidungspunkt sind ein Teil davon. Bei mir liegt dieser Punkt ziemlich genau zwischen Unterrichtsende und Türklinke. Meine Kontrollen und die Konsequenzen kommen zusätzlich hinzu. Ein Hund im Handtuch setzt schließlich keine Dienstpflicht durch.
Unsere Reinigungskraft hatte den passenden Zettel
Die sichtbaren Zuständigkeiten klärten allerdings noch nicht ausreichend, wann genau der Dienst fällig war und wie sein Abschluss festgehalten werden konnte. Den entscheidenden Anstoß dafür bekam ich von unserer Reinigungskraft.
Ich war an irgendeinem Nachmittag aus meinem Klassenraum gekommen, hatte mich mal wieder über dessen Zustand geärgert und traf auf sie. Sie dokumentierte gerade, welche Räume sie gereinigt hatte. Diese Listen kennt man: Irgendwo hängt ein Blatt, jemand erledigt seine Arbeit und bestätigt das anschließend. Ich sah ihr dabei zu und dachte: Das brauche ich auch.

Daraus ist mein Putzcheck entstanden. Das Wochenblatt (Download) bildet unseren Stundenplan ab: die Wochentage links, die Unterrichtsstunden oben. Schwarz umrandete Kreise markieren die Zeitpunkte, an denen der Dienst gemacht werden soll. Geputzt wird am Ende eines Unterrichtsblocks, bevor die Kids in die Pause gehen, den Raum wechseln oder nach Hause gehen.
Bei uns bilden die erste und zweite sowie die dritte und vierte Stunde jeweils eine Doppelstunde. Die fünfte steht für sich. Entsprechend liegen die Checks beispielsweise nach der zweiten, vierten und fünften Stunde. Wenn die Klasse in Hauswirtschaft, Technik oder Sport ist und den Klassenraum gar nicht nutzt, gibt es dort auch keinen Kreis. Die hellgrauen Kreise bleiben als Reserve, etwa wenn der Unterricht früher endet und deshalb zu einem anderen Zeitpunkt aufgeräumt werden muss.
Der Putzcheck hängt in einem Prospekthalter neben der Tür. Darüber der Hund im Handtuch, den die Kids schon von der Putzdienstkarte kennen. Der Stift steckt direkt daneben, darunter befindet sich die Abgabe für den ausgefüllten Wochenzettel. Erinnerung, Ausfüllen und Abgeben liegen beieinander.
Der Haken war leider anonym
Zwischenzeitlich hatte ich einen Erledigt-Stempel mit Haken ausprobiert. Ich fand die Idee praktisch. Nach getaner Arbeit draufdrücken, fertig. Leider konnte ich anschließend nicht nachvollziehen, wer damit bestätigt hatte, dass der Raum sauber war. Der Haken sah verbindlich aus, war bei Rückfragen aber ungefähr so hilfreich wie ein Schulterzucken.
Also flog der Stempel raus. Jetzt setzt eine Person aus dem Team ihr persönliches Kürzel in den passenden Kreis. Sie hat selbst mitgeputzt und bestätigt, dass die gemeinsame Arbeit erledigt ist. Auf der Rückseite des Wochenblatts sind Vornamen und Kürzel der Kids einander zugeordnet.
Ein Haken sagt: erledigt. Ein Kürzel sagt außerdem, wer das behauptet. Genau diese Information fehlte mir. Wenn Bestätigung und Raum nicht zusammenpassen, habe ich eine konkrete Ansprechperson. Wer unterschreibt, steht für diese Aussage ein. Die Arbeit bleibt Aufgabe der Gruppe. Wurde überhaupt kein Dienst gemacht, muss sich das zuständige Team dafür verantworten.
Dieses kurze Prüfen am Ende gehört für mich zur Aufgabe. Wer sein Kürzel setzt, soll vorher in den Raum schauen.
Der Putzcheck gilt übrigens ausschließlich für den Putzdienst. Der Tafeldienst läuft wie gewohnt. Eine ungeputzte Tafel sehe ich. Dafür brauche ich keinen zusätzlichen Nachweis.
Mein Anspruch endet nicht beim Ausdrucken
Natürlich könnte man auch einen dreckigen Raum ordentlich dokumentieren. Deshalb habe ich anfangs sehr akribisch kontrolliert, ob Bestätigung und Zustand zusammenpassen.
Das ist mein Anteil an der Sache. Ich möchte, dass die Kinder den Dienst ernst nehmen. Also muss ich selbst dranbleiben. Ein Kürzel interessiert mich, weil es für eine erledigte Arbeit steht. Ob diese Arbeit tatsächlich erledigt wurde, bleibt die entscheidende Frage. Der Prospekthalter beantwortet sie mir leider nicht.
Inzwischen ist der Raum so verlässlich ordentlich, wie ich ihn haben möchte. Die Stühle stehen immer angeschoben, das Material liegt bereit. Ich komme hinein und kann anfangen. Und ich unterrichte verdammt gern in diesem Raum.
Ich glaube, dass ein gepflegter Raum eine Haltung vorgibt. Man sieht ihm an, dass sich Menschen kümmern. Dass es jemanden interessiert, wie wir ihn hinterlassen. Wir kennen das selbst: Es macht einen Unterschied, ob ein Ort gepflegt wirkt oder ob sich dort offenbar niemand mehr zuständig fühlt. Ich möchte, dass die Kids ihren Anteil an diesem Raum erkennen. Sie haben gemeinsam etwas erledigt, das für die nächste Stunde und für andere Menschen wichtig ist. Ihr Beitrag ist sichtbar.
Dazu gehört für mich ausdrücklich auch unsere Reinigungskraft. Ich möchte ihr einen Raum hinterlassen, an dem sie erkennt, dass wir unseren Teil übernommen haben. Ihre Arbeit verdient diesen Respekt. Dass ich die Idee für unseren Nachweis ausgerechnet bei ihr gefunden habe, passt deshalb ziemlich gut.
Wenn ich Verantwortung verlange, möchte ich, dass man sie dem Raum auch ansieht. Nach der Doppelstunde. Vor der Pause. Am Ende des Tages.

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