Zu Beginn des Beitrags darf ich mich kurz vorstellen: Ich heiße Sebastian Nell und habe zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Blog-Posts gerade meine Staatsprüfung für das Lehramt in den Fächern Mathematik und Physik erfolgreich absolviert. In diesem Post berichte ich über fünf Tage, die ich im Mai 2026 im Rahmen einer Hospitation in Christophes Unterricht verbringen durfte und die vermutlich mein gesamtes Berufsleben prägen werden.
Doch der Reihe nach, zunächst zu meinem Hintergrund: Ich habe 2013 ein Lehramtsstudium begonnen und bereits damals versucht, Seminarveranstaltungen aktivierend für alle Lernenden zu gestalten. Nach Abschluss meines Studiums 2019 konnte ich als Doktorand sechs Jahre lang im Schülerlabor Physik SCIphyLAB der RWTH Aachen an diese ersten Gehversuche anknüpfen. Ich habe Veranstaltungen geplant und durchgeführt, bei denen Schülerinnen und Schüler auf Grundlage von vorstrukturierten Anleitungen komplexe Versuche selbständig durchführen. Betreuer unterstützen nur dann, wenn die SuS Hilfe benötigen.
Dies hat meinen Übergang ins Referendariat geprägt – gleich zu Beginn habe ich mich gefragt, wie ich meinen Unterricht gestalte, damit alle Schülerinnen und Schüler aktiv arbeiten. Damals wurde ich gebremst: „Arbeiten Sie zunächst mal an den Grundlagen“ – wie recht mein Fachleiter mit der Aussage hatte, habe ich schnell erfahren. Sobald ich aber einigermaßen Unterrichtsstunden halten und zu einem erfolgreichen Abschluss bringen konnte, habe ich angefangen, an Selbstlernprojekten zu arbeiten: 7 Wochen in der EF Mathematik zum Thema „ganzrationale Funktionen“, 3 Wochen in der 6. Klasse Physik zu „Magnetismus“, 4 Wochen in der 5. Klasse Mathematik zu „Geometrische Figuren zeichnen“. Ich habe viel ausprobiert, was Schüleraktivierung anging – das Klima hierfür haben meine Fachleiter für Mathematik und Physik geschaffen, die mich auf meinem Weg immer bestärkt haben und mir durch stets konstruktive Kritik aufgezeigt haben, wie ich meinen Unterricht weiter verbessern kann.
Selbstlernen in Vollzeit? Unmöglich
Ein Problem gab es aber immer: Meine Selbstlernphasen waren zu materialintensiv, als dass ich 25,5 Wochenstunden (Vollzeit als Lehrkraft) in dieser Form unterrichten könnte. Das Denkende Klassenzimmer hatte mein Fachleiter zu diesem Zeitpunkt bereits kurz erwähnt, ich hatte mich aber noch nicht damit beschäftigt. Und so wurde ich sehr hellhörig, als ein Seminarleiter über „nicht materialgestütztes Selbstlernen“ bei Christophe Kaucke an einer Hauptschule berichtete. Ich musste ohnehin ein fünftägiges Praktikum an einer anderen Schulform machen und hatte noch nie eine Hauptschule von innen gesehen. Aufgrund dessen, was ich über Hauptschulen gelesen und gehört hatte, stellte ich mich auf ein völlig neues Erlebnis außerhalb meiner Komfortzone ein. Ich schrieb die Hauptschule an und vereinbarte mein Praktikum für Anfang Mai.
Montag, 1. Stunde
Und nun sitze ich im Geschichtsunterricht bei Christophe in seiner 9. Klasse, in der er Klassenlehrer ist. Wobei – sitzen? Minute 1: Christophe kontrolliert die Anwesenheit auf einer App, mit der er anschließend Dreiergruppen auslost. Die Schülerinnen und Schüler gehen zu Tafeln, die an den Wänden des Raums verteilt sind. Es gibt kein Murren, kein „Ich will aber nicht mit dem arbeiten“. Nach 30 Sekunden Organisation beginnt im Stehen die Besprechung der Aufgabe – ich erfahre, dass im Unterricht viel über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen wurde. Dass großer Widerstand den Tod bedeutet, aber kleiner Widerstand durchaus möglich war. Und dann sollen die Schülerinnen und Schüler eine fiktive Story für einen Film pitchen, der von einem solchen kleinen Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus handelt.
Zeitaufwand bis jetzt? 2 Minuten. Und jetzt: 19 Minuten Arbeitsphase. Und Christophe kommt zu mir und wir unterhalten uns – ich schaue fasziniert zu, wie er die Schülerinnen und Schüler arbeiten lässt und nicht hilft. Seine Hilfe braucht auch niemand: Die Klasse diskutiert in ihren Dreiergruppen über Ideen für den Film. Die Gruppen schreiben Ideen an, verwerfen Ideen und wischen sie weg. Es ist lebhaft in der Klasse, aber eine Lebhaftigkeit, die vor Produktivität nur so sprüht. Natürlich schalten einzelne Schülerinnen und Schüler zwischenzeitlich ab oder führen Privatgespräche – für jeweils wenige Sekunden. Danach sind sie wieder bei der Sache. Ich beobachte in dieser Phase bei 100 % der Schülerinnen und Schüler eine aktive Auseinandersetzung mit der Aufgabe.
Die Aufgabenvorstellung geschieht durch die Schülerinnen und Schüler, moderiert von Christophe. Sie stellen faszinierende Geschichten vor, unter anderem von einer Fahrkartenkontrolleurin in einem Zug, die Juden absichtlich nicht kontrolliert, damit diese das Land verlassen können. Die anderen hören zu, geben hilfreiche Wortbeiträge, unterbrechen nicht. Nach den Vorstellungen: Bündelung der Ergebnisse zu einer kurzen Diskussion über Zivilcourage und Demokratie, fokussiert durch die Lehrkraft.
Montag, 2. und 3. Stunde: Das funktioniert immer!?
Völlig fasziniert komme ich also aus der ersten Stunde raus. 2. Stunde, 8. Klasse, Mathematik, Oberflächen von Prismen. Christophe warnt mich dann vor, in der 8. Klasse wäre ein größeres Problem mit Absentismus, da würde das Konzept nicht mal ansatzweise so gut funktionieren. Ok, es fehlen einige Schülerinnen und Schüler, aber organisatorisch läuft es einfach wieder. Nach einer Minute stehen Schülerinnen und Schüler, die Aufgabe ist gestellt, kurze Plenumsphase, los gehts. Am Ende steht bei niemandem eine korrekte Lösung – aber alle haben gerechnet, Skizzen gemacht und tolle Ansätze gefunden. Eine Gruppe hat völlig ohne nachzuschauen die Formel für den Flächeninhalt eines Dreiecks korrekt angeschrieben und genutzt (und nein, das ist (leider) nicht (mehr) normal im Schulalltag).
Dritte Stunde, wieder seine 9. Klasse, diesmal Mathematik, Terme und Gleichungen. Wieder eine Minute, danach arbeiten die Schülerinnen und Schüler. Diesmal an einer möglichst einfachen Form zur Berechnung eines unterteilten Rechtecks, bei der ein Teilstück die Länge „b“ hatte. Und wieder: Schülerinnen und Schüler arbeiten, wir unterhalten uns. Wenige Hilfen, die impulsartig gegeben sind und die Schülerinnen und Schüler voranbringen, ohne wirklich die Frage zu beantworten. Gruppen, die bei anderen schauen, was sie gemacht haben. Nicht um abzuschreiben, sondern um sich eine Idee zu holen. Gruppen, die selbständig untereinander über verschiedene Aufgabenlösungen diskutieren. Und ein Schüler, dessen Lösungsweg Christophe und mich kurz ins Nachdenken bringt, bevor wir dann beide feststellen, dass er Recht hat. Christophe erzählt dann stolz, dass dieser Schüler in einem Jahr seine Mathematik-Note von 5 auf 1 verbessert hat. Ich muss an eine Schülerin denken, die das in meiner Selbstlernphase in der EF Mathematik ebenfalls geschafft hat. Selbstlernen scheint zu wirken. Und dieser Lehrer schafft es offenbar jede Stunde, Selbstlernen zu organisieren.
100 Seiten an einem Nachmittag – oder: Warum Liljedahl mich voll erwischt hat
Danach ist Schluss, die Hauptschule hat Elternsprechtag, auch ich muss deshalb an meine Ausbildungsschule. Und da Referendare normalerweise wenig Besuch von Eltern bekommen, verbringe ich meinen Nachmittag damit, Liljedahls Buch zu nehmen und ca. 100 Seiten zu lesen und zusammenzufassen. So lerne ich die ersten drei seiner 14 Methoden zur Veränderung des Unterrichts.
Vor allem aber trifft mich eine Passage aus der Einleitung. Liljedahl beschreibt eine typische Übungsphase, in der nur 20 % der Schülerinnen und Schüler tatsächlich üben. Der Rest zeigte eine der folgenden Verhaltensweisen (vgl. Liljedahl, S. 10):
- Sie nahmen nicht teil, saßen einfach nur da oder unterhielten sich mit anderen.
- Sie spitzten einen Bleistift an, kramten nach Utensilien oder machten etwas, was das Loslegen mit der Aufgabe hinauszögerte.
- Sie blätterten im Schulbuch oder ihrem Heft, markierten wichtige Textstellen oder taten so, als würden sie schreiben.
Ich denke an meinen Unterricht, in dem immer wieder genau solche Übungsphasen vorkommen – das ist ja völlig normal. Ich denke: Ja, das machen meine Schülerinnen und Schüler. Liljedahl hat Recht. In der bisherigen Form ist mein Unterricht einfach ineffizient.
Über das reine Funktionieren hinaus bietet mir Liljedahl anders als alle mir bis dato bekannten Ideen oder Ansätze die Alltagstauglichkeit. Wie Christophe zeigt, kann man das Denkende Klassenzimmer auch dann umsetzen, wenn man nicht 3 Stunden Zeit in die Planung einer einzelnen Stunde stecken kann, weil man 25,5 h pro Woche unterrichtet.
Es hat also genau einen Tag gedauert, und ich bin hin und weg. Das Denkende Klassenzimmer ist die Antwort auf alle Fragen, die ich bis dato zum Thema Aktivierung von Schülerinnen und Schülern gestellt hatte. Liljedahl erklärt die Gestaltung von passenden Aufgaben zum Einstieg, die Art und Weise, wie die Schülerinnen und Schüler arbeiten sollen. Er beschreibt die Einrichtung des Klassenraums, die Interaktion innerhalb einzelner Gruppen und die „Mobilisierung des Wissens im Raum“, indem Gruppen miteinander sprechen und sich gegenseitig mit Ergebnissen unterstützen. Er erklärt, wie die Lehrkraft Fragen beantworten und Sicherungsprozesse moderieren soll. Natürlich weiß ich das am Ende des ersten Tages noch nicht. Aber ich sehe Christophes Unterricht und weiß intuitiv, dass das das Richtige für mich ist.
Fünf Tage Hospitation: Fragen über Fragen
Die anderen vier Tage der Hospitation fülle ich mit dem, was für mich ab diesem Zeitpunkt logisch ist: Ich löchere Christophe mit Fragen. Jede Minute, die er mir dafür zur Verfügung stellt, darunter zwei Mittagspausen.
Wie stelle ich Klassenarbeiten in dem System? Wie bereite ich auf Klassenarbeiten vor? Wie packe ich Übungen in meinen Matheunterricht in diesem System? Wie lernen wir Materialnutzung wie Taschenrechner, Zirkel, Geodreieck, KI …? Welche Störungen treten auf und wie geht man damit um? Warum den Einstieg so und nicht anders? Warum sieht dein Klassenzimmer so aus, wie es aussieht?
Ich spreche, frage, beobachte und lerne. Einmal tut Christophe so, als habe er Kopfschmerzen, und lässt mich die Sicherungsphase moderieren. Am Freitag darf ich meine erste Stunde im Denkenden Klassenzimmer selbst halten. Hier passiert etwas ganz Bemerkenswertes: Während ich es an meiner Ausbildungsschule gewöhnt bin, dass mich Schülerinnen und Schüler einer neuen Klasse in der ersten Stunde testen, zuckt die 9. Klasse mit den Schultern. Da tanzt halt jetzt ein anderer Affe die Aufgabe vor, wir machen das genau so wie jede Stunde. Mein Verhältnis zu den Schülerinnen und Schülern ist von Minute 1 an positiv, nette Frotzeleien inklusive.
Classroom Management auf beeindruckendem Niveau
Eine bislang nur beiläufig genannte Sache muss aber als absolute Stärke von Christophes Unterricht bezeichnet werden: sein Classroom Management. Ich erlebe an fünf Tagen Hospitation und intensiver Beobachtung eine geschätzte Anzahl von null Störungen. Wenn irgendjemand die Lehrkraft abgelenkt hat, war ich das mit meinen permanenten Nachfragen …
Aber ernsthaft: Vom Aufbau seines Klassenraums, dem Auge fürs kleinste Detail, dem Labeln von jedem, also wirklich jedem Arbeitsmaterial, welches die Schülerinnen und Schüler benutzen, bis zu seinem Umgang mit der Klasse ist jedes Detail wohlüberlegt und gezielt eingesetzt. Er hat einfache Klassenregeln aufgestellt, die er konsequent gegenüber jedem Schüler und jeder Schülerin durchsetzt, einschließlich der Klassenbesten. Er bewahrt professionelle Distanz, ist aber für die Schülerinnen und Schüler immer verfügbar, nahbar und steht ihnen auch emotional zur Seite. Und so habe ich an fünf Tagen einen Unterricht gesehen, in dem die Schülerinnen und Schüler zeigen konnten, was sie leisten können, ohne dass Störungen oder andere negative Einflüsse den Unterricht beeinträchtigten.
Fazit
Die Tage, die ich in diesem Beitrag beschrieben habe, liegen nunmehr viereinhalb Monate zurück. Trotzdem erinnere ich mich noch sehr gut an sie. Der Unterricht im Stil des Denkenden Klassenzimmers hat mich tief beeindruckt. In den Sommerferien 2026 habe ich verstanden, woran das liegt: Während im Studium Vorlesungen und Seminare der Bildungswissenschaften stets die Begriffe „Konstruktivismus“, „Lehrkraft als Lernbegleiter“, „Schüleraktivierung“ und „Freiarbeit“ benannt, definiert und zum Ziel erhoben haben, schafft es Liljedahl, diese zu einem konkreten und im normalen Unterrichtsalltag umsetzbaren Gesamtkonzept zu verbinden. Das Denkende Klassenzimmer ist für mich also der logische Abschluss der theoretischen Überlegungen aus dem Studium. Das Erleben dieses Konzeptes in Christophes Unterricht hat mich auch deshalb so stark geprägt wie kaum eine andere Hospitation im Rahmen meines Referendariats. Und daher möchte ich diesen Beitrag mit zwei Worten beenden – für mich ist es alles andere als selbstverständlich, dass jemand seinen Unterricht so detailliert und ausführlich für andere dokumentiert und darüber hinaus seine Arbeitszeit dafür aufwendet, mir seine Arbeit in allen von mir erfragten Details zu erklären. Daher: Danke, Christophe!

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