Verantwortung weg, Ort kaputt – über die Lieblosigkeit der Gegenwart

Jeden Morgen schiebe ich mein Fahrrad durch den Hauptbahnhof einer mittleren Großstadt in Nordrhein-Westfalen. Seit fast acht Jahren. Eigentlich noch länger, wenn ich die Pendlerjahre fürs Abi dazurechne und früh gelernt habe, dass der öffentliche Nahverkehr vor allem eins ist: öffentlicher Verfall.

Wenn man einen Ort jeden Tag durchquert, dann sieht man nicht nur, wie er aussieht. Man sieht, wie er langsam aufgibt.

Nicht mit großem Knall. Eher auf diese deutsche Art des Untergangs: eine flackernde Anzeige, eine kaputte Rolltreppe, ein Mülleimer, der aussieht, als hätte er innerlich längst gekündigt. Irgendwo klebt eine Schicht Dreck, die nicht zufällig da ist, sondern Verwaltungsgeschichte geworden ist. Irgendwer hat mal beschlossen, dass das schon noch geht. Seitdem geht es eben so weiter. Beschissen, aber stabil beschissen.

Und ja, natürlich gibt es die üblichen Debatten. Drogen. Kriminalität. Politikversagen. Dann kommt irgendein Trottel um die Ecke und sagt „die Ausländer“, weil er intellektuell ungefähr die Beweglichkeit eines nassen Toastbrots hat. Das ist mir zu billig. Zu dumm. Zu feige. Wer jede Verwahrlosung mit Feindbildern erklärt, denkt nicht, er sabbert nur in ganzen Sätzen.

Was mich interessiert, ist etwas anderes: Warum sind unsere Orte so lieblos geworden? Warum sieht heute fast alles öffentlich Zugängliche aus, als hätte es schon vor Jahren innerlich den Stecker gezogen?

Nicht nur der Bahnhof. Auch Straßen, Unterführungen, Schulflure, öffentliche Plätze. Alles wirkt abgeranzter, gleichgültiger, unpersönlicher. Nicht bloß dreckig. Verlassen, obwohl ständig Leute da sind. Das ist der Unterschied.

Früher war nicht alles besser. Aber irgendwer war zuständig.

Dieser Satz nervt mich selbst, weil er nach Altbau-Nostalgie klingt und nach Leuten, die beim Wort „früher“ sofort einen steifen Rücken kriegen. Früher war nicht alles besser. Früher war vieles enger, hässlicher, autoritärer, rauer. Früher gab es auch Dreck, Mief und Elend. Niemand muss mir das romantisieren.

Aber wenn man alte Bilder anschaut, durch Stadtarchive blättert oder mit älteren Leuten redet, dann sieht und hört man etwas, das heute fast ausgestorben ist: Pflege.

Nicht Hochglanz. Nicht sterile Reinheit. Pflege.

Die Dinge wirkten, als hätte sich jemand zuständig gefühlt. Schilder waren nicht schön, aber lesbar. Räume waren nicht fancy, aber geordnet. Gebäude waren keine Erlebniswelten, aber sie hatten Haltung. Da war eine Form von Sorgfalt drin, die heute oft fehlt wie Anstand in einer Kommentarspalte.

Das sehe ich auch in meiner Schule. Fast hundert Jahre Geschichte. Wenn ich durch alte Gebäudeteile gehe, durch Keller, abgestellte Räume, stillgelegte Ecken, dann sehe ich überall Reste einer anderen Haltung. Handschriftliche Etiketten. Holzschränke, die nicht einfach nur Möbel, sondern Systeme waren. Ein Kartenraum, der nicht nach Lagerhalle aussah, sondern nach Denkdisziplin. Ein großes Buch, in dem Schulgeschichte handschriftlich festgehalten wurde. Ein alter Kunstraum, mittlerweile stillgelegt, aber immer noch voller Spuren davon, dass sich da mal jemand Mühe gegeben hat.

Mühe. Dieses Wort ist heute fast schon woke.

Überall diese kleinen Hinweise: Hier hat mal jemand nicht nur gearbeitet, sondern aufgepasst.

Digitalisiert, outgesourct, entseelt

Wenn ich versuche zu verstehen, warum das weg ist, landet ich schnell bei soziologischen Vokabeln wie Verantwortungsdiffusion. Klingt toll, kannst man schön im Seminar droppen, dazu ein ernstes Gesicht machen und einen Suhrkamp-Band auf den Tisch klatschen. Aber in Wahrheit ist die Sache brutal simpel:

Unsere Orte verkommen, weil niemand sichtbares Verantwortung für diese Orte hat.

Früher gab es im Bahnhof Schalter. Personal. Aufsicht. Leute, die da nicht nur rumstanden, sondern Funktionen hatten. Leute für Durchsagen, Organisation, Kontrolle, Pflege, Betrieb. Auch keine heilige Welt. Wahrscheinlich waren viele davon muffige Pflichterfüller mit einem Charisma wie ein Aktenordner. Aber sie waren da. Der Ort hatte Gesichter. Direktoren. Zuständigkeiten. Augen.

Heute hat der Bahnhof Displays.

Die sagen dir alles und sehen dabei aus, als würden sie selbst Hilfe brauchen. Aufgesprungene Scheiben, flackernde Zeilen, kaputte Kanten. Die Durchsage kommt aus einer Stimme ohne Körper. Der Dreck wird von Menschen beseitigt, die so schlecht bezahlt und so systematisch entmächtigt sind, dass man von Identifikation gar nicht erst anfangen muss. Die räumen auf, aber sie haben keinen Ort. Sie arbeiten in ihm, nicht für ihn.

Und genau das sieht man.

Denn ein Raum wird nicht gepflegt, weil irgendwo ein digitales Ticketsystem läuft. Ein Raum wird gepflegt, wenn jemand das Gefühl hat: Das hier fällt auf mich zurück. Mein Gesicht steht für diesen Ort.

Heute fällt gar nichts mehr auf jemanden zurück. Heute verteilt sich alles ins Nirgendwo.

Hotline ist das Gegenteil von Verantwortung

Die westliche Welt liebt Hotlines, Mails, Ticketsysteme und Serviceformulare. Also all die kleinen Verwaltungsrituale, die einem das Gefühl geben sollen, man hätte sein Problem jetzt „platziert“. Man muss dafür natürlich stundenlang erst mal stundenlang googeln, wer denn für diese oder jene Aufgabe zuständig ist.

Du meldest einen Schaden und bekommst eine Eingangsbestätigung.
Du beschwerst dich und kriegst eine Vorgangsnummer.
Du willst einen Ansprechpartner und bekommst Funktionspostfächer.
Du suchst Verantwortung und findest Prozessketten.

Das ist keine Organisation. Das ist Verantwortungsdiffusion.

Früher gab es im Zweifel jemanden, den man ansprechen, anscheißen oder verantwortlich machen konnte. Einen Bahnhofsvorsteher, einen Leiter, eine Aufsicht, irgendeinen Typen mit Schlüsselbund, schlechter Laune und echter Zuständigkeit. War das alles progressiv? Sicher nicht. War es effizient? Wahrscheinlich auch nur bedingt. War es zivilisatorisch wertvoll? Ja, verdammt.

Weil ein Ort besser funktioniert, wenn jemand für ihn gerade steht.

Heute dagegen herrscht die Ideologie der entkörperlichten Zuständigkeit. Alle sind zuständig, also keiner. Alles ist geregelt, also nichts wird gesehen. Es gibt für alles Prozesse, aber niemanden, der immer morgens durch den Laden geht – eine Begehung macht – und denkt: Was ist hier eigentlich schon wieder für eine Kacke los?

Der große Irrtum: Man hat Verantwortung automatisiert

Wir haben irgendwann so getan, als könne man Verantwortung durch Systeme ersetzen. Als würden Orte sich von selbst stabil halten, wenn nur genug Software drüberläuft und genug Dienstleister in Rotationsschichten den Restdreck verwalten.

Das war naiv. Oder billig. Wahrscheinlich beides.

Menschen pflegen Orte nicht automatisch, nur weil sie sie benutzen. Diese romantische Vorstellung von der selbstregulierenden Öffentlichkeit ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Schulflyer mit dem Wort „Wertschätzung“ in Calibri. Menschen benehmen sich nicht plötzlich vorbildlich, nur weil der Raum allen gehört. Meistens benehmen sie sich dann so, als gehöre er niemandem. Und genau das passiert.

Der Bahnhof gehört niemandem.
Die Straße gehört niemandem.
Der Flur gehört niemandem.
Der Platz gehört niemandem.

Und was niemandem gehört, wird behandelt wie Sperrmüll.

Der Punkt ist doch: Die Menschen sind nicht plötzlich schlechter geworden. Das halte ich für Quatsch. Wir sind nicht in eine neue Epoche moralischer Verwahrlosung gestürzt, weil TikTok existiert und Leute Energy trinken. Menschen waren schon immer bequem, egoistisch, abgelenkt, anständig, rücksichtslos, hilfsbereit, gleichgültig. Alles gleichzeitig. Früher auch.

Der Unterschied ist nicht der Mensch.
Der Unterschied ist die Struktur.

Früher wurden Orte Rollen zugewiesen.
Heute werden sie Abläufen zugewiesen.

Und Abläufe entwickeln keinen Stolz und keine Identität.

Schule ist einer der letzten Orte, an denen man das noch sieht

Vielleicht merke ich das deshalb in der Schule so deutlich. Da gibt es diese Logik von Zuständigkeit stellenweise noch. Klassenlehrer. Schulleitung. Hausmeister. Kolleginnen und Kollegen, die einen Raum nicht bloß nutzen, sondern verteidigen. Dann spürt man sofort einen Unterschied.

Nicht, weil diese Menschen Zauberkräfte hätten. Sondern weil Bindung Ordnung erzeugt.

Ein Klassenraum bleibt nicht deshalb eher in Schuss, weil Kinder plötzlich kleine Kulturwesen geworden sind. Sondern weil Erwachsene markieren: Das hier ist nicht egal. Das hier hat jemand im Blick. Das hier ist ein Raum und keine Restefläche.

Sobald das weg ist, kippt alles. Dann werden Räume zu Kulissen des Durchgangs. Dann liegt Zeug rum, dann wird nichts repariert, dann wird improvisiert, bis aus Improvisation Dauerzustand wird. Dann kommt irgendwann irgendeine externe Steuergruppe und spricht von „Raumkonzepten“, während im Keller die alte Würde des Hauses verreckt.

Verwahrlosung ist oft nur entkernte Verantwortung

Was wir heute sehen, ist deshalb nicht einfach nur Dreck. Es ist soziale Entkopplung. Ein Ort ohne Gesicht. Eine Aufgabe ohne Träger. Eine Zuständigkeit ohne Macht.

Die paar Menschen, die noch Reste von Verantwortung übernehmen, sind oft die, die am wenigsten davon haben: mies bezahlt, schlecht ausgestattet, ohne Entscheidungsspielraum. Reinigungskräfte, Hausmeister, Servicepersonal, Leute am Rand des Systems. Von denen erwarten wir, dass sie das zusammenhalten, was oben längst organisatorisch aufgegeben wurde. Das ist nicht nur unfair. Das ist feige.

Denn Verantwortung ohne Befugnis ist nichts anderes als dekorativ verteilte Schuld.

Wenn wir wollen, dass unsere Orte wieder besser werden, dann brauchen wir nicht zuerst mehr Sonntagsreden über Gemeinsinn. Wir brauchen benannte Verantwortung. Konkrete Menschen. Klare Zuständigkeiten. Sichtbare Präsenz. Entscheidungsmacht. Und Bezahlung, die nicht so tut, als sei Fürsorge ein Ehrenamt für Dumme.

Jemand muss sagen können:
Mein Bahnhof.
Meine Straßenschilder.
Mein Flur.
Meine städtischen Fensterdichtung.
Mein Problem.

Und dann muss dieser jemand auch die Mittel haben, daraus mehr zu machen als einen gut gemeinten Satz.

Früher hatte der Ort ein Gesicht. Heute hat er eine Störungsmeldung.

Das ist für mich der Kern.

Früher war nicht alles besser.
Aber früher hatte vieles jemanden.

Heute haben wir Displays statt Blicken, Hotlines statt Gesichter, Prozesse statt Präsenz. Wir haben Verantwortung so lange rationalisiert, ausgelagert und automatisiert, bis am Ende genau das übrig blieb, was man jeden Morgen im Bahnhof sieht: ein öffentlicher Ort, den alle benutzen und den trotzdem keiner mehr trägt.

Und dann wundern wir uns, dass er aussieht wie unsere Zeit:
funktional,
überfordert,
anonym,
und an den Rändern schon längst kaputt.

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