Wir wollen Probleme – aber bitte ohne Struggle

In Deutschland fordern wir problemorientierten Unterricht. Das klingt nach Denken, nach Anspruch, nach Tiefe. In der Praxis bedeutet es oft: Wir zeigen ein Problem, lassen es kurz wirken und sorgen dann zügig dafür, dass niemand zu lange damit allein bleibt. Ein bisschen Irritation ist erlaubt, echtes Festhängen eher nicht. Spätestens wenn Unruhe entsteht oder Blicke ratlos werden, greifen wir ein. Erklärend. Strukturierend. Beruhigend.

Was wir kaum zulassen, ist echtes Struggeln. Dieses zähe Ringen mit einer Aufgabe, dieses Nicht-Weiter-Wissen, das nicht sofort aufgelöst wird. Genau dort, wo Lernen eigentlich beginnt, werden wir nervös. Und genau dort nehmen wir Kindern das Denken ab – gut gemeint, aber wirkungsvoll falsch.

Ein Buch, das heraussticht – und zwar deutlich

Ich habe in den letzten zehn Jahren sehr viel didaktische Literatur gelesen. Hunderte Bücher. Unterricht interessiert mich, Unterricht ist mir wichtig, irgendwie ist es auch mein größtes Hobby, und ich habe eine ziemlich hohe Toleranz gegenüber didaktischem Jargon entwickelt. Umso auffälliger ist es, wenn ein Buch wirklich hängen bleibt.

Productive Math Struggle von John J. SanGiovanni, Kevin J. Dykema und Susie Katt ist so ein Buch. Nicht, weil es laut ist oder revolutionär wirken will, sondern weil es einen blinden Fleck adressiert, den wir im deutschen Diskurs hartnäckig ignorieren: Wir reden über Probleme, aber wir vermeiden den Zustand, der Probleme erst lernwirksam macht.

Vielleicht fängt das Problem schon bei der Sprache an

Es ist kein Zufall, dass wir im Deutschen kein wirklich gutes Wort für struggle haben. „Herausfordernde Aufgabe“ ist zu harmlos. „Ringen“ klingt nach Pathos. „Sich abmühen“ nach Defizit. Nichts davon trifft diesen Zustand, in dem jemand festhängt, denkt, zweifelt, weitermacht.

Was keinen Namen hat, wird schwer geplant. Und was nicht geplant wird, passiert höchstens zufällig. Vielleicht ist das kein sprachliches Detail, sondern ein didaktisches Symptom. Wir haben Konzepte für Inhalte, Methoden und Kompetenzen – aber kaum eines für das bewusste Aushalten von Denkkrisen. Dieses Buch gibt genau dafür Sprache, Struktur und Handwerkszeug.

Schulbücher: sauber, ordentlich – und denkarm

Ein Blick in viele deutsche Schulbücher macht das Problem sichtbar. Die meisten Aufgaben sind darauf ausgelegt, etwas bereits Erklärtes zu reproduzieren. Erst kommt die Lösungsidee, dann kommt die Aufgabe. Wer zugehört hat, kommt durch. Wer nicht, fällt raus. Denken im eigentlichen Sinne ist dabei optional.

Das Ergebnis ist ein Unterricht, der ruhig läuft, aber wenig Reibung erzeugt. Fleiß wird belohnt, Anpassung auch. Eigenständiges Ringen eher nicht.

In Productive Math Struggle sind Aufgaben anders gedacht. Sie sind der Startpunkt des Lernens, nicht sein Abschluss. Sie lassen sich nicht einfach abarbeiten, sondern zwingen zu Entscheidungen, zu Vergleichen, zu Umwegen. Struggle ist hier kein Unfall, sondern Absicht. Und genau das fehlt vielen unserer Materialien.

Worum es in dem Buch eigentlich geht

Der große Fehler wäre, dieses Buch für eine lose Sammlung guter Ideen zu halten. Es ist streng gebaut. Productive Math Struggle folgt einem klaren sechsstufigen Denkrahmen, der Struggle nicht dem Zufall überlässt, sondern systematisch im Unterricht verankert.

Am Anfang steht etwas, das wir oft überspringen: Struggle wertschätzen. Nicht behaupten, sondern glaubhaft machen. Schüler:innen müssen spüren, dass Festhängen kein Zeichen von Versagen ist, sondern von Arbeit. Solange Lehrkräfte innerlich denken „hoffentlich kommen sie schnell weiter“, bleibt Struggle ein Lippenbekenntnis.

Darauf aufbauend geht es um Identität. Wie sehen sich Schüler:innen selbst? Als Denkende? Oder als Menschen, die beim ersten Widerstand innerlich aussteigen? Das Buch zeigt sehr klar, wie stark diese Selbstbilder darüber entscheiden, ob jemand im Struggle bleibt oder nicht – und dass man daran arbeiten kann, wenn man es ernst meint.

Dann rückt Gemeinschaft in den Fokus. Struggle ist hier kein einsamer Überlebenskampf, sondern etwas, das sozial getragen wird. Denkprozesse werden sichtbar gemacht, Unterschiede normalisiert, Statusunterschiede gezielt reduziert. Nicht aus Harmoniebedürfnis, sondern weil Denken in Gruppen robuster wird, wenn niemand Angst haben muss, falsch zu liegen.

Erst danach geht es an die Unterrichtsplanung. Aufgaben werden nicht danach ausgewählt, wie gut sie sich erklären lassen, sondern danach, ob sie Denken erzwingen. Aufgaben werden geöffnet, gedreht, fokussiert, umgebaut. Nicht komplizierter, sondern unbequemer. Planung heißt hier: Struggle einplanen.

Im Unterricht selbst geht es dann um Begleitung statt Rettung. Das Buch beschreibt sehr genau, wie man Struggle unterstützt, ohne ihn zu zerstören. Fragen statt Antworten. Impulse statt Lösungen. Hilfe verzögern, nicht verweigern. Das erfordert Nerven – und Vertrauen in Denkprozesse.

Am Ende steht Reflexion. Struggle wird nicht einfach erlebt und abgehakt, sondern gemeinsam ausgewertet. Was war schwer? Woran bin ich hängen geblieben? Wie bin ich weitergekommen? Erst hier wird aus Anstrengung dauerhaftes Lernen.

Diese sechs Schritte machen klar: Struggle ist kein spontanes Ereignis, sondern eine Lernarchitektur.

Struggle als Diagnose, nicht als Störung

Was dieses Buch besonders stark macht, ist seine Nüchternheit. Struggle wird nicht romantisiert, nicht moralisiert, nicht pädagogisch überhöht. Er wird beobachtet, beschrieben, eingeordnet.

Ein Schüler läuft herum.
Eine Schülerin stellt viele Fragen.
Eine Klasse ist laut.

Unser Reflex: Störung, Kontrollverlust, Unsicherheit.
Das Buch sagt: Das könnten Denkprozesse sein.

Diese Perspektive ist unbequem, weil sie zeigt, wie oft wir eingreifen, nicht weil es lernwirksam wäre, sondern weil wir selbst es nicht aushalten. Stille verwechseln wir mit Lernen, Ordnung mit Verstehen. Und wir merken oft nicht, wie früh wir Denkprozesse abbrechen.

Eine Didaktik, die sich zu selten irritieren lässt

Die deutsche Didaktik ist theoretisch reich, historisch gewachsen und intellektuell anspruchsvoll. Aber sie ist auch erstaunlich selbstreferenziell. Wir diskutieren viel im eigenen System und schauen vergleichsweise selten ernsthaft in andere Länder oder Traditionen.

Dieses Buch tut genau das, was uns guttut: Es irritiert. Es fragt nicht, wie man besser erklärt, sondern wie man Unterricht so gestaltet, dass Denken unvermeidlich wird. Weg von der Stofflogik, hin zur Denklogik. Weg vom Vermittlungsproblem, hin zum Designproblem.

Solche Bücher fehlen im deutschsprachigen Raum. Nicht, weil wir keine Theorie hätten, sondern weil wir zu selten bereit sind, uns didaktisch wirklich herausfordern zu lassen.

Mehr als ein Mathebuch

Auch wenn Mathematik draufsteht: Productive Math Struggle ist kein reines Mathebuch. Es geht um Lernen, um Aufgaben, um Lehrerhandeln, um Unterrichtsdesign. Die Gedanken lassen sich problemlos auf andere Fächer übertragen – überall dort, wo Denken mehr sein soll als Wiederholen.

Fazit: Ein Buch, das wir brauchen

Dieses Buch beruhigt nicht. Es erklärt nicht weg. Es fordert heraus – vor allem uns Lehrer:innen. Und genau deshalb ist es so wichtig. Wenn wir Lernen wirklich ernst nehmen wollen, müssen wir Struggeln nicht nur zulassen, sondern bewusst ermöglichen.

Productive Math Struggle gehört zu den Büchern, die man nicht einfach liest und dann abhakt. Es bleibt hängen. Und es verändert den Blick auf Unterricht.

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