Auf diese Gedanken bin ich nicht über Schule gekommen, sondern über einen Talk von Atul Gawande. Ein Chirurg, der ziemlich nüchtern beschreibt, was in hochqualifizierten Berufen gerne verdrängt wird: Nach einer extrem langen Ausbildung entsteht irgendwann der Glaube, man sei fertig. Ausgelernt. Auf einem Niveau angekommen, das man nur noch halten muss.
Gawande erzählt das an Beispielen aus der Medizin. Jahrelanges Studium. Jahrelange Praxis. Hoher Anspruch. Und dann dieses stille Selbstverständnis: Ich weiß jetzt, wie es geht. Genau dort, sagt er, beginnt das Plateau. Nicht, weil Ärzt:innen schlecht wären – sondern weil sie irgendwann alleine arbeiten. Ohne systematisches Feedback. Ohne jemanden, der regelmäßig hinschaut.
Während ich ihm zugehört habe, dachte ich: Das ist keine Medizin-Geschichte. Das ist eine Schulgeschichte.
Building Thinking Classroom – und dann wird es ruhig
Ich habe im letzten Jahr meinen Unterricht ziemlich konsequent umgebaut. Building Thinking Classroom, mehr Denkzeit, andere Aufgaben, weniger Erklären, mehr Aushalten. Das war kein kosmetischer Eingriff, sondern ein echter Umbau. Ich habe dabei viel gelernt. Über Aufgaben, über Interventionen, über meine eigenen Reflexe.
Und trotzdem stehe ich seit ein paar Monaten auf einem Plateau.
Nicht frustriert. Nicht unzufrieden. Der Unterricht läuft. Die Strukturen greifen. Lernprozesse sind sichtbar. Und genau das macht es gefährlich. Denn es gibt gerade keinen offensichtlichen Skandal, keinen großen blinden Fleck, der schreit: Hier stimmt was nicht.
Vielleicht ist genau das der blinde Fleck.
Erfahrung ist bequem – und genau deshalb trügerisch
Was Gawande beschreibt, passt erschreckend gut auf Schule: Erfahrung macht nicht automatisch besser. Sie macht sicherer, schneller, routinierter. Und vor allem macht sie weniger irritierbar. Nach der anfänglichen Lernkurve kommt das Plateau – nicht wegen mangelnder Kompetenz, sondern wegen Isolation.
Schule ist ein System, das diese Isolation perfekt organisiert. Tür zu, Klasse drin, Autonomie. Niemand schaut rein. Niemand fragt nach. Niemand liefert systematisch Rückmeldung darüber, was man eigentlich tut. Selbstreflexion ohne Daten bleibt oft genau das: ein gut klingendes Selbstgespräch.
Das deutsche Tür-zu-Prinzip
Politisch wird es dort, wo aus dieser Struktur eine Haltung wird. In Deutschland – nicht bei allen, aber bei genug Kolleg:innen – existiert diese stille Annahme: Nach dem Referendariat ist man im Wesentlichen fertig. Lernen ist dann etwas für Schüler:innen, nicht mehr für Lehrkräfte.
Das ist nicht nur falsch. Das ist arrogant.
Denn wenn Unterricht nicht wirkt, wenn Lernende scheitern, externalisieren wir das Problem erstaunlich routiniert. Elternhäuser. Sozialraum. Motivation. Sprache. Diagnosen. Irgendetwas außerhalb von uns. Wir erklären Schulversagen, statt zuerst auf unser eigenes Handeln zu schauen.
Das ist kein Wissensproblem.
Das ist ein Haltungsproblem.
Warum ich als Ausbilder so viel über mich gelernt habe
Ironischerweise habe ich in dieser Zeit am meisten gelernt, als ich weniger selbst unterrichtet habe. In meiner Rolle als Ausbilder in Mathematik – konkret einer Referendarin – bestand mein Job nicht im Lehren, sondern im Beobachten. Ich saß im Unterricht, hörte zu, machte mir Notizen und schaute zu, ohne selbst eingreifen zu dürfen.
Beobachten bedeutete für mich, Entscheidungen zu sehen, während sie passierten. Live. Ohne Ausrede. Ich sah, wo zu früh eingegriffen wurde, weil Stille schwer auszuhalten war. Ich sah Momente, in denen Lernende gerade anfingen zu denken – und dann durch eine gut gemeinte Erklärung wieder herausgezogen wurden. Ich sah Aufgabenstellungen, Interventionen, Gesprächsführung. Und ich sah, wie viel Unterricht aus Impulssteuerung bestand: retten, glätten, absichern.
Während ich das analysierte, wurde mir etwas ziemlich Unangenehmes klar: Das war kein Fremdunterricht. Das war ein Spiegel.
Viele der Punkte, die ich ansprach, waren keine Anfängerfehler. Es waren Routinen. Genau die Routinen, die ich selbst über Jahre aufgebaut hatte, weil sie funktionierten. Weil sie Ruhe brachten. Weil sie Kontrolle vermittelten. Und genau deshalb waren sie mir im eigenen Unterricht kaum noch aufgefallen.
Denn Ausbildung zwang mich zur Präzision. Ich konnte nicht vage bleiben. Ich musste erklären, warum ich etwas für sinnvoll hielt. Ich musste begründen, warum ich an einer Stelle eingegriffen hätte – oder bewusst nicht. Und bei jeder dieser Begründungen überprüfte ich mein eigenes Handeln gleich mit.
Was dort systematisch sichtbar wurde, fehlt im normalen Schulalltag vollständig: Lehren verbessern durch Coaching und Hospitation.
Fortbildung als Beruhigungsmittel
Stattdessen setzt unser Schulsystem lieber auf Fortbildungen. Input. Folien. Teilnahmebescheinigung. Fortbildungen sind nicht per se nutzlos. Aber sie werden oft als Alibi missbraucht: Wir tun ja was.
Der Unterschied ist simpel: Fortbildung sagt, was möglich wäre. Coaching und Hospitation zeigen, was tatsächlich passiert. Und genau dort entscheidet sich Professionalität.
Wir brauchen eine andere Kultur
Was fehlt, ist keine Evidenz. Die Forschung ist klar: kontinuierliche Hospitation, Coaching und Feedback wirken immens. Was fehlt, ist eine Kultur dafür.
Diese Kultur entsteht nicht von alleine. Sie braucht politische Rückendeckung: Zeitbudgets, Entlastung, klare Signale. Und sie braucht vor allem eine innere Haltung: weg von „Lass mich in Ruhe“, hin zu „Schau ruhig hin“.
Solange Hospitation als Kontrolle gelesen wird und nicht als Entwicklungsraum, bleibt Schule ein System geschlossener Türen.
2026: Raus aus dem Plateau
Für mich heißt das konkret: Ich hole mir wieder systematisch den Blick von außen. Zwei, drei Kolleg:innen, die meine Ziele kennen, meine Didaktik verstehen und mir in der Vergangenheit schon gezeigt haben, wo meine Grenzen liegen. Und ich nehme sie nicht in meine Vorzeigestunden mit, sondern in die schwierigen Klassen. In Stunden, die nicht immer laufen.
Fazit
Wir haben in Deutschland kein Erkenntnisproblem. Wir haben ein Haltungsproblem. Erfahrung ohne Feedback ist Stillstand. Fortbildung ohne Beobachtung ist oft nur Beruhigung. Wenn Schule besser werden soll, müssen wir aufhören, nach der Ausbildung die Tür zuzumachen. Und anfangen, uns selbst wieder als Lernende zu begreifen.
Das ist unbequem.
Aber alles andere ist bequem falsch.

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