Montag, 08:12. Mathe. Ein 16-Jähriger sitzt da wie ein schlecht gelaunter CEO in der letzten Reihe, Bauchtasche quer, Blick: „Mach mich doch an.“ Neben ihm knistert irgendwas, was entweder Chips sind oder die Reste seiner Motivation.
Früher wäre das bei mir eskaliert. Heute passiert oft etwas Uncooles: nichts. Kein Machtkampf, kein Drama, kein „Raus!“ mit rotem Kopf. Ich sag nur: „Leg’s weg. Wir brauchen dich gleich.“ Er rollt mit den Augen – und macht’s. So simpel, dass es fast beleidigend ist.
Und genau da liegt der Punkt: Man kann didaktisch brutal gut sein – Struktur, Aktivierung, Differenzierung, Lernziele wie aus dem Lehrbuch – und trotzdem scheppert’s im Raum. Unterrichtsstörungen, Reibung, Dauerstress. Nicht, weil der Unterricht „schlecht“ ist. Sondern weil die Beziehung keinen Puffer hat.
Ich hab dafür inzwischen ein Konzept im Kopf, das aus dieser amerikanischen Management-Literatur kommt: Stephen R. Covey, The 7 Habits of Highly Effective People (auf Deutsch klingt das immer wie ein Coaching-Kalender aus der Bahnhofsbuchhandlung, in den USA ist das Ding halt ein Klassiker). Und darin steckt diese Idee vom Emotional Bank Account: Vertrauen ist wie ein Konto. Man kann einzahlen. Man kann abheben. Und man kann es so lange überziehen, bis jede Kleinigkeit zum Krieg wird.
Beziehung ist kein Konfetti-Moment
In Schule wird „Beziehung“ manchmal behandelt wie so ein Konfetti-Moment am ersten Schultag: einmal laut, bunt, alle klatschen – und zwei Wochen später findet man die Reste in irgendwelchen Ecken und fragt sich, was das eigentlich gebracht hat.
Dann macht man am Anfang drei Kennenlernspiele („Steh auf, wenn du Pizza magst!“), alle lachen einmal gezwungen, und irgendwo klackt ein Fortbildungs-Kugelschreiber: „So, Beziehung aufgebaut.“
Bullshit.
Und genau da passt dieses Bankkonto-Denken: Beziehung ist wie ein Konto mit Fixkosten: Man zahlt jeden Tag ein bisschen ein – und jeden Tag wird auch automatisch abgebucht. Manche Konten sind stabil, andere von Anfang an im Dispo. Und manchmal laufen im Hintergrund so viele Abbuchungen, dass man’s erst merkt, wenn der Kontostand schon knirscht.
Das Bankkonto-Bild entromantisiert Beziehung: Nicht „mag man sich?“, sondern: Wie ist der Kontostand zwischen uns? Und was passiert gerade – Einzahlung oder Abhebung?
Einzahlungen im Schulalltag (ohne Anbiedern)
Covey nennt im Kern ein paar klassische Einzahlungen: den Menschen verstehen, die kleinen Dinge ernst nehmen, Zusagen halten, Erwartungen klären, Integrität zeigen, ehrlich entschuldigen. Klingt banal – ist aber genau der Stoff, der im Schulalltag ständig unter die Räder kommt.
1. Verstehen heißt nicht: alles entschuldigen
„Verstehen“ wird gerne verwechselt mit „Ach, der kann halt nicht anders“. Nein. Verstehen heißt: Man checkt, was bei jemandem los ist – und bleibt trotzdem klar.
Praktisch:
- Man führt Mini-Gespräche in Übergängen: „Wie läuft’s gerade wirklich?“ Und dann hält man wirklich mal den Mund.
- Man stellt Fragen statt Diagnosen: „Was war eben der Plan?“ statt „Du bist respektlos.“
- Man merkt sich Trigger: Bloßstellung, Kontrollverlust, Langeweile – jeder hat so eine rote Taste.
Das ist keine Kuschelpädagogik. Das ist Informationsbeschaffung.
2. Die kleinen Dinge: Micro-Deposits sind Zinseszins
Kids merken sich nicht das Tafelbild. Kids merken sich:
- ob man sie morgens sieht (Blickkontakt, Name, kurzes Nicken),
- ob man sie mag,
- ob man an sie glaubt,
- ob man ihre Würde schützt, auch wenn sie Mist bauen,
- ob man fair bleibt, wenn es nervt.
Einzahlungen sind oft so klein, dass man sie kaum als Arbeit erkennt – und genau deshalb wirken sie.
3. Zusagen halten: Nichts killt Vertrauen schneller als leere Versprechen
Wenn man sagt „Ich schau mir das an“, dann schaut man es sich an. Wenn man sagt „Nach der Stunde reden wir“, dann redet man. Wenn man sagt „Beim nächsten Mal gibt’s Konsequenzen“, dann gibt’s sie.
Gerade bei jungen Kolleg:innen passiert das oft andersrum: didaktisch geplant wie NASA, aber im Kleinen weich wie Toast. Und dann wundert man sich, warum Regeln nicht eingehalten werden.
4. Erwartungen klären: Unklarheit produziert Störung
Unklare Erwartungen sind wie Nebel auf der Autobahn: Alle fahren irgendwie – und dann knallt’s.
Im Klassenraum heißt das:
- Routinen und Rituale so klar, dass man sie im Schlaf kann,
- Konsequenzen vorher benennen, nicht im Affekt erfinden,
- Leistungserwartung transparent machen: hoch, aber begründet.
Und genau hier ist auch dieser Satz wichtig: „Ich finde dein Verhalten scheiße, aber du bist mir wichtig. Deswegen mache ich das.“ Das ist keine Umarmung. Das ist Kontoführung.
5. Integrität: Kids riechen Doppelmoral wie kalte Pommes
Integrität heißt: gleiche Linie, gleiche Würde, kein „Bei dem drück ich ein Auge zu, weil der witzig ist“.
Im Alltag heißt das:
- keine öffentlichen Demütigungen,
- keine Lästereien,
- Konflikte am Verhalten festnageln, nicht am Menschen.
6. Entschuldigen: Reparatur ist Beziehung – nicht der Unfall
Lehrkräfte machen Abhebungen. Laut werden, unfair sein, jemanden falsch lesen. Passiert. Das darf passieren. Der Unterschied ist: Repariert man – oder zieht man’s durch bis zum bitteren Ende?
Mini-Skript ohne Theater:
- „Gestern war ich drüber. Das war von mir als Lehrer nicht okay. Wie machen wir’s beim nächsten Mal, damit es nicht wieder knallt?“
Das ist kein Gesichtsverlust. Das ist Erwachsensein.
Beispiel aus dem echten Leben: Zu spät kommen (und nicht direkt rumkacken)
Unpünktlichkeit ist so ein Thema: Ich hasse sie wie die Pest. Es killt mich. Verschlafen, „Bus verpasst“, „war noch kurz beim Kiosk“ – früher war das bei mir ein sicherer Trigger und ich ging hoch. Da kam dann schnell dieses Rumgekacke: Standpauke, moralischer Vortrag, der Klassiker. Und am Ende wussten meine Kids zwar, dass zu spät kommen „nicht geht“, aber das Konto hatte gerade eine schöne Abhebung kassiert.
Heute ist das bei mir (meistens) anders, auch wenn es dafür nach wie vor oft Konsequenzen gibt. Häufig Hofdienst. Auch bei 30 Sekunden. Dazu hab ich ja schon einen eigenen Artikel »hier« geschrieben. Der Unterschied heute ist nur: Die Konsequenz ist nicht mehr automatisch. Sie ist nicht mehr mein schimpfender Reflex, sondern eine Entscheidung. Es kommt auf Umstände und Fall an.
Heute lief das zum Beispiel so:
Da war ein Schüler morgens in der ersten Stunde nicht da. Später lief er über den Schulhof. Früher wäre das bei mir: „Aha, jetzt tauchst du auf. Sehr witzig. … “ Stattdessen bin ich raus und hab gesagt: „Ey, Sam. Ich hab dich vermisst. Wo warst du?“ Nicht als Show, sondern als echte Frage.
Und dann kam seine Geschichte: Rollerakku kaputt, Vater musste geweckt werden, Schrauben, Stress, dann Bus genommen, Bus davor verpasst – das volle Programm. Der Schüler: „Herr Kaucke, total scheiße.“
Und der Unterschied war nicht „mehr Nettigkeit“. Der Unterschied war: Ich hab zugehört. Erstmal hören, was überhaupt los war, statt sofort den Richter zu spielen. Dann konnte ich reagieren wie ein normaler Mensch: „Okay. Was ein Dreck.“ Verständnis. Kein Theater.
Die Stunde hab ich als entschuldigt eingetragen. Und dann kam der zweite Teil, der wichtig ist: Leistungserwartung bleibt. Nicht weichspülen, sondern klar: „Du hast heute leider echt was Wichtiges verpasst. Ich brauch dich im Kurs. Arbeite das bitte nach, nachdem du deinen Roller repariert hast.“
Er: „Klar, mach ich. Ich schau im Padlet und frag Bilal, dass er mir das erklärt.“ Er gibt mir die Faust, ist freundlich, Thema erledigt. Und in diesem Moment passiert etwas, das man in der Schule viel zu selten bewusst denkt: Wir zahlen beide fett ein. Er, weil er ehrlich erzählt statt rumzulavieren. Ich, weil ich nicht sofort die Keule auspacke, sondern fair bleibe, Verständnis habe und trotzdem klar bin.
Easy. Und cool. Ohne Machtkampf. Ohne Gesichtsverlust für irgendwen.
Der unangenehme Teil: Manche ziehen nur ab
Und jetzt der Teil, an dem Fortbildungen gerne „aus Zeitgründen“ weitermachen:
Es gibt Schüler:innen, die sind schlau – und sozial eine Dauerbaustelle. Man investiert: Gespräche, Chancen, Nachsicht, klare Ansagen, zweite, dritte, vierte Runde. Immer wieder eine letzte Chance. Und sie machen: abheben, abheben, abheben. Keine Höflichkeit, keine Verantwortung, null Gegenbewegung.
Dann ist irgendwann dieser Punkt da: Konto leer.
Und wenn das Konto leer ist, wird jede Interaktion teuer. Dann eskaliert ein normaler Hinweis, weil kein Puffer mehr da ist.
Was dann hilft, ist nicht „noch ein Spielchen“, sondern Realität:
- Grenzen + Konsequenzen (nicht als Rache, sondern als Rahmen),
- Rollen klären (Lehrkraft ist keine Privattherapie),
- Team ziehen (KL, SL, Sozialarbeit), weil Einzelkämpferromantik am Ende nur Burnout mit Heldenmusik ist.
Und noch was, was man gerne vergisst: durchatmen. Wirklich. Einmal kurz Luft holen, bevor man die nächste Abhebung auf einem ohnehin leeren Konto im Affekt macht. Der ganze Unterschied zwischen „Ich handle“ und „Ich reagiere“ passt manchmal in drei Sekunden Pause.
Proaktiv statt reaktiv.
Einfach ist das nicht. Aber genau da entscheidet sich, ob man gerade führt – oder nur zurückschießt.
Die Tage, an denen ich nur abhebe
Und ja: Mir gelingt das nicht immer. Nicht mal annähernd.
Es gibt Tage, da bin ich nicht „die reflektierte Lehrkraft“, sondern ein wandelnder Reizfilter mit geringer Restkapazität. Ich merke, ich werde krank. Oder ich bin privat gestresst. Oder ich bin gerade nicht bei mir. Nichts davon hat direkt mit der Klasse zu tun – aber im Unterricht entscheidet es plötzlich alles.
Dann passiert Folgendes: Ich hebe nur ab.
Kurzer Ton. Wenig Geduld. Schneller Sarkasmus. Diese kleinen giftigen Mini-Sätze, die ich hinterher selbst nicht cool finde. Und das ist dann: kacke.
Die unbequeme Erkenntnis: Am emotionalen Bankkonto arbeite ich nicht nur „mit den Schüler:innen“. Ich arbeite daran auch, indem ich an meiner eigenen Verfassung arbeite – und an meinem Umgang mit Problemen, die nichts mit dem Unterricht zu tun haben. Weil meine Verfassung immer mit unterrichtet. Ob ich will oder nicht.
Wenn ich nicht bei mir bin, führe ich keine Klasse – ich reagiere nur noch auf sie. Und Reaktion ist meistens ein teurer Abhebeautomat.
Was mir dann hilft, ist keine Persönlichkeits-Revolution, sondern Schadensbegrenzung:
- früh merken, dass ich im Abhebe-Modus bin („heute dünnhäutig“),
- langsamer werden, weniger reden,
- Konflikte vertagen statt eskalieren („das klären wir später“),
- reparieren, wenn ich drüber war (ein klarer Satz, kein Drama).
Fazit: Man unterrichtet nicht nur. Man verwaltet Vertrauen.
Wenn man Lehramtsanwärter:innen einen Satz aufs Pult tackern müsste, dann diesen:
Arbeite am emotionalen Bankkonto. Jeden Tag. In kleinen Beträgen. Arbeite an dir.
Nicht mit Kennenlern-Bingo. Sondern mit Zuhören. Nachfragen. Zusagen halten. Erwartungen glasklar und nachvollziehbar machen. Fair bleiben. Reparieren, wenn man Mist baut.
Und irgendwann passiert dieser Moment:
Man sagt „Leg’s weg“, und es passiert.
Nicht weil man Autorität cosplayt.
Sondern weil da Deckung ist.
Und ja: Das ist viel Arbeit.
Aber es ist die Arbeit, die Unterricht wieder unterrichtbar macht, ohne Störungen.

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