Sommerferienupdate – Der Anfang entscheidet, wie viel Kacke man später mühsam wieder einsammeln muss

Die Sommerferien sind gefühlt vorbei. Ich war unterwegs, habe den Kopf freigelüftet und ein paar Wochen so getan, als hätte Schule nichts mit mir zu tun. Hat mittelgut funktioniert. Lehrer:innen machen schließlich nicht wirklich Urlaub. Sie verlagern das Grübeln nur an Orte mit besserem Wetter.

Und trotzdem sitze ich seit zwei Tagen wieder in meinem Arbeitssessel und bereite Unterricht vor.

Nicht, weil ich muss.

Sondern weil ich gelernt habe:

Wer das Schuljahr einfach auf sich zukommen lässt, dem fliegt der Laden später ziemlich zuverlässig um die Ohren.

Keine pädagogische Streichelwiese

Der Schuljahresanfang ist keine gemütliche Kennenlernphase mit Namensspiel, bunten Moderationskarten und einem Klassenregel-Plakat, auf dem alle Kids in einem Sturm pubertierender Erleuchtung unterschreiben werden.

Er ist die Phase, in der Macht, Haltung und Arbeitskultur ausgehandelt werden.

Muss hier wirklich gedacht werden? Beginnt Unterricht bei Herrn Kaucke pünktlich? Ist das mit den Dreiergruppen ernst gemeint? Oder reicht es, körperlich anwesend zu sein, am Klebestift zu nagen und gelegentlich „Hä?“ in den Raum zu werfen?

Schüler:innen prüfen vom ersten Moment an, was hier gilt (wir waren damals nicht anders).

Was erwartet mich hier eigentlich? Bekomme ich Aufgaben, bei denen ich denken muss – oder wirft der Typ da vorne jeden Morgen das Buch in die Klasse und verteilt irgendein Kack-Arbeitsblatt zum Ausfüllen? Ist der Unterricht vorbereitet? Gibt es einen Plan, einen Spannungsbogen, irgendeine erkennbare Idee? Oder bashed hier jemand 45 Minuten lang Seitenzahlen, Kopien und schlechte Laune?

Schüler merken sehr schnell, ob eine Lehrkraft Unterricht gestaltet – oder nur Material in den Raum kippt und hofft, dass daraus Bildung entsteht. Das wittern Schüler:innen schneller als den Lieblingsflavour ihrer Vape.

Der Ärger kommt in kleinen Dosen

Ein schlechter vorbereiteter Schuljahresanfang bedeutet nicht sofort fliegende Stühle und brennende Mülltonnen.

Es beginnt kleiner.

Nach einer Wochen dauert es fünf Minuten, bis überhaupt Material auf dem Tisch liegt. Nach drei Wochen sind es zehn, weil vorher noch Wasserflaschen gefüllt, Ladekabel gesucht und drei lebenswichtige Gespräche beendet werden müssen.

Und das passiert nicht aus dem Nichts.

Es passiert, weil am Anfang Raum dafür war. Weil alles erst mal ganz entspannt laufen sollte. Weil eine Minute hier und zwei Minuten da angeblich nicht so wichtig waren.

Jeder Toilettengang wird dann ziemlich schnell vor dem Internationalen Gerichtshof verhandelt. Jede Arbeitsphase beginnt mit einer neuen Ausnahme.

Und weil ja am Anfang klar wurde, dass Stundenlernziele offenbar nur unverbindliche Vorschläge sind, werden sie immer weiter verschoben. Zentimeter für Zentimeter. Stunde für Stunde.

Bis nicht mehr die Schüler:innen prüfen, wann der Unterricht beginnt – sondern die Lehrkraft darum bettelt.

Das ist die Kacke.

Was am Anfang durchgeht, wird später Gewohnheit.

Und Gewohnheiten bekommt man aus einer Klasse ungefähr so leicht wieder heraus wie eine stabil aufgebaute Handysucht.

Neue Kids, keine Schonfrist

Im neuen Schuljahr warten nun neue Klassen und neue Schüler:innen auf mich, die mich noch nicht kennen.

Sie wissen nicht, wie ich arbeite.

Also müssen meine Stunden von Anfang an top Notch sein.

Deshalb investiere ich gerade besonders viel Zeit in die ersten zwei Schulwochen.

Später bereite ich jede Stunde in etwa zehn Minuten vor. Am Schuljahresanfang sitze ich hingegen oft 45 bis 60 Minuten pro Schulstunde daran.

Ich formuliere Aufgaben um, lese, verwerfe, tüftele – und entdecke regelmäßig, dass eine vermeintlich brillante Idee nur didaktisch parfümierter Bullshit war.

Nicht alles muss bis ins Kleinste perfekt sein.

Aber der erste Unterricht muss sitzen. Und dafür investiere ich am Anfang überproportional viel Zeit.

Denn jede Minute, die ich jetzt investiere, spart mir später Diskussionen, Wiederholungen und dieses zähe pädagogische Klein-Klein.

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