Rüstzeit – die bequemste Ausrede gegen enaktiven Matheunterricht

Ich habe mir jahrelang erzählt, dass enaktiver Matheunterricht eine nette Idee ist, aber im Alltag halt selten funktioniert. Zu viel Rüstzeit. Zu viel Energie. Zu viel Bewegung. Zu wenig Kontrolle. Klingt nachvollziehbar, ist aber rückblickend vor allem eins gewesen: eine Ausrede, mit der ich mir Mathe kaputtgespart habe.

Denn natürlich wusste ich es besser. Ich wusste, dass diese handlungsorientierten Stunden gut sind. Dass sie tragen. Dass Kinder plötzlich Dinge verstehen, die keine Erklärung der Welt sauber reinprügelt. Und trotzdem habe ich sie zu selten gemacht. Nicht aus Unwissenheit, sondern aus Bequemlichkeit.

Die Pi-Stunde, die mich entlarvt hat

Letzte Woche, neues Thema bei meinen Neunern: Umfang vom Kreis, Pi. Eigentlich ein perfekter Moment für Frontalunterricht deluxe. Formel an die Tafel, ein bisschen Kreis-Gemaltes, ein bisschen Pathos: „Das müsst ihr euch merken. Das ist wichtig.“ So habe ich das früher gemacht, wenn es schnell gehen musste. Effizient. Glatt. Und maximal weit weg von dem, was ich heute unter einem Denkenden Klassenzimmer verstehe.

Während ich da saß, meldete sich dieser alte pädagogische Autopilot. Kein didaktischer Diskurs, eher limbisch. So ein Ref-Reflex, der sich ungefragt im Frontallappen breitmacht und sagt: „Ey. Du weißt genau, dass du das jetzt enaktiv machen musst. Stell dich nicht so an.“

Also habe ich aufgehört, Ausreden zu sammeln, und einfach Zeug zusammengesucht. Wir haben zwei Mathe-Schränke bei uns im Gebäude, voll mit Material, das man viel zu oft ignoriert, weil es unbequem ist. Kreise, Kordeln, Zollstöcke. Ich habe mir eine Euro-Kiste genommen, Material rein, ab in die Klasse. Mehr Planung war da nicht.

Die Aufgabe war radikal simpel:
In all diesen Kreisen steckt dieselbe Zahl. Findet sie. Kreise, Kordel, Zollstock und Taschenrechner dürft ihr benutzen.

Mehr gab’s nicht.

Und dann passiert das, was im Matheunterricht sonst oft nur in UB-Stunden erlaubt ist. Erst stolpern die Kids ordentlich. Leere Gesichter. Kein Plan. Nach ein paar Minuten zündet irgendwo ein Funke – und plötzlich läuft es. Kordel um den Kreis. Kordel mit Zollstock messen. Durchmesser messen. Teilen. Vergleichen. Nochmal messen. Diskutieren. Irgendwann stehen da 3,1… 3,2… 3,14… und dieser Blick, der sagt: „Moment mal. Das ist ja wirklich immer ähnlich.“

Pi liegt plötzlich auf dem Tisch, ohne dass ich es ausgepackt habe. Keine Sternstunde, weil ich so genial vorbereitet gewesen wäre. Sondern weil ich mich getraut habe, enaktiven Unterricht zuzulassen.

Der eigentliche Grund, warum ich’s so selten gemacht habe

Nach der Stunde kam kein Stolz. Sondern Ärger. Nicht über die Klasse, sondern über mich. Weil mir klar wurde, warum solche Stunden bei mir Ausnahmen waren. Nicht, weil sie schwierig sind. Sondern weil sie energetisch sind.

Ich habe dieses Gefühl jahrelang unter einem Wort gespeichert: Rüstzeit.

Kein sauberer Fachbegriff, eher ein inneres Etikett. Ein Sammelbegriff für alles, was passieren muss, bevor Unterricht in einen anderen Modus kippt. Und genau dieses Wort war mein stiller Vetospieler.

Rüstzeit meinte für mich nicht nur Material. Nicht nur das Zusammensuchen, Schleppen, Reintragen. Rüstzeit war auch das Umstellen der Klasse, das Bilden von Gruppen, das Aktivieren von Ritualen. Rüstzeit hieß: Bewegung aushalten, Lautstärke einordnen, Kontrolle zumindest gefühlt abgeben. Und am Ende den ganzen Kram wieder einsammeln, während die nächste Stunde schon im Nacken sitzt.

Dazu kam die Klassenkultur. Wenn Kinder nicht gewohnt sind, aufzustehen, zu wechseln, zu messen, zu streiten – mathematisch, nicht persönlich – dann wird jede aktive Phase zur kleinen Revolte. Wenn Gruppenbildung jedes Mal neu verhandelt wird, frisst sie dir die Stunde weg wie TikTok die Aufmerksamkeit. Und wenn Denken sichtbar wird, bevor es sauber ist, fühlt sich das erst mal an wie Chaos, obwohl es eigentlich Arbeit ist.

All das habe ich unter diesem einen Wort zusammengefaltet. Rüstzeit. Und dieses Wort hat immer gewonnen. Es klang sachlich, fast professionell. Als hätte ich das nüchtern abgewogen. In Wahrheit war es ein Bauchgefühl mit Krawatte.

Ich habe mir jahrelang zu oft eingeredet, das sei halt zu aufwendig. Dass die Zeit nicht reicht. Dass die Klasse dafür nicht gemacht ist. Heute weiß ich: Das war bequem. Nicht bösartig, aber bequem.

Das eigentliche Problem war nicht die Rüstzeit. Das Problem war, dass ich die Bedingungen nicht gebaut hatte, unter denen dieser Modus leicht wird.

Building Thinking Classrooms: nicht die Aufgabe ist der Trick, sondern das Betriebssystem

Und genau hier setzt das Denkende Klassenzimmer an. Nicht als schickes Methodenfeuerwerk, sondern als grundlegender Modus von Unterricht. Die zentrale Idee von Peter Liljedahl, dem Erfinder des Konzepts, ist nicht: „Mach alles anders.“ Sondern: Verändere die Normen, unter denen Unterricht stattfindet.

Zufallsgruppen. Arbeiten im Stehen. Aufgaben die fordern. Sichtbares Denken. Nicht als Highlight, sondern als Alltag. Der eigentliche Effekt kommt nicht von der Aufgabe, sondern von der Wiederholung. Von der Gewöhnung. Von Ritualen, die Energie kanalisieren statt sie zu bremsen.

Und genau deshalb funktioniert das Ganze so brutal gut gegen das, was ich jahrelang Rüstzeit genannt habe.

Was ich damit meine: Ich nutze dieses Denkende-Klassenzimmer-Ding inzwischen jede verdammte Stunde. Als Grundzustand von Unterricht. Ein Kommando, die Kids stehen in Zufallsgruppen an den Tafeln. Keine Verhandlungen, kein „Wer geht wohin?“. Dreißig Sekunden, sie stehen. Punkt. Der Timer klingelt, die Arbeitsphase (Rich Task) ist vorbei. Ein „3, 2, 1 – Augen auf mich“ reicht, und ich habe sie gesammelt. Wir besprechen. Nicht chaotisch, sondern fokussiert. Alles daran ist ritualisiert: dass sie diskutieren, dass sie Aufgaben wirklich lösen wollen, dass sie stehen, dass sie wieder stoppen. Und genauso ritualisiert ist, dass ich keine Fragen beantworte, solange sie noch denken könnten. Nicht aus Prinzip, sondern weil sie wissen: Erst Kopf, dann ich.

Was ich massiv unterschätzt habe

Ich dachte lange, Building Thinking Classrooms spart Erklärzeit. Stimmt auch. Aber das ist nicht der große Hebel. Der große Hebel ist, dass es Anlaufzeit spart. Dieses pädagogische Reiben am Anfang jeder Stunde. Dieses „Jetzt machen wir mal was anderes“. Genau das, was ich früher unter Rüstzeit zusammengefasst habe.

Wenn der Modus klar ist, läuft die Stunde. Auch eine Pi-Stunde mit Kordel und Zollstock. Ohne Drama. Ohne Moderationsshow.

Die Pi-Stunde war deshalb kein pädagogisches Wunder. Sie war ein Beweis dafür, wie lange ich mir selbst im Weg stand. Rüstzeit war nie der Feind. Sie war das Alibi. Das eigentliche Problem war, dass ich enaktiven Unterricht wie eine Ausnahme behandelt habe – und nicht wie das, was er sein sollte: Normalität.

Fazit: Weniger planen, mehr durchziehen

Ich habe enaktiven Matheunterricht nicht zu selten gemacht, weil ich ihn nicht konnte. Sondern weil ich ihn nicht konsequent aufgebaut habe. Building Thinking Classrooms funktioniert nicht, weil es clever ist oder weil die Aufgaben so gut sind. Es funktioniert, weil es Verhalten trainiert. Und trainiertes Verhalten entlastet. Mich. Die Klasse. Den Unterricht.

Mathe wird dadurch nicht einfacher. Aber ehrlicher. Weniger Show, mehr Kopf. Und genau deshalb muss enaktiver Unterricht keine Ausnahme mehr sein. Nicht mit diesen Klassen. Nicht unter diesen Bedingungen.

Die Rüstzeitlüge funktioniert nicht in einem Denkenden Klassenzimmer.

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