Ich arbeite jetzt schon eine ganze Weile mit dem Denkenden Klassenzimmer (Building Thinking Classrooms, kurz: BTC). Das Grundprinzip steht. Die Lernenden arbeiten vertikal, sie diskutieren, sie ringen um Lösungen. Das läuft.
Aber irgendwann merkt man: Es sind nicht nur die großen Ideen, die Qualität heben. Es sind die kleinen Schrauben. Materielle Tweaks. Unspektakulär. Fast langweilig. Und genau deshalb wirksam.
Im folgenden möchte ich ein paar Dinge schildern, die mein Denkendes Klassenzimmer ein wenig besser gemacht haben.
Der Kreidehalter: Ein Stift. Mehr nicht.
Ich nutze am liebsten runde Kreide. Sie schreibt etwas präziser, quietscht nicht und bröselt nicht sofort. Dazu einfache Plastik-Kreidehalter. Keine Designobjekte, sondern funktionale Teile.
In einer Tasse liegen neun Kreidehalter – jeweils mit Kreide bestückt. Keine losen Stücke mehr an der Tafelleiste. Keine Brösel.
Warum dieser Aufwand?
Weil Kreide teilbar ist. Und Teilbarkeit ist im Denkenden Klassenzimmer ein Problem.
Liegen unten kleine Kreidestücke, hat plötzlich jede Dreiergruppe zwei oder drei Schreibende. Jede Person notiert „schon mal was“. Es sieht produktiv aus. Ist es aber nicht. Es ist paralleles Produzieren ohne Abstimmung.
Nach Peter Liljedahl sollte in einer Gruppe nur eine Person schreiben. Nicht aus Machtgründen, sondern weil Schreiben verlangsamt. Wer schreibt, denkt langsamer. Wer nicht schreibt, muss sprechen. Und Sprechen zwingt zur Präzision.
Der Kreidehalter macht genau das möglich:
Eine Gruppe. Ein Stift. Punkt.
Keine spontane Kreideteilung mehr. Kein „Ich schreib das hier oben schon mal“. Erst wird diskutiert, dann wird geschrieben.


Und nebenbei passiert etwas Erstaunliches: Die Tafelschrift wird besser. Deutlich besser. Mit Halter schreiben viele sauberer, größer, strukturierter. Klar sind da Fehler drin. Aber man sieht, dass sie sich Mühe geben. Werkzeug beeinflusst Haltung.
Die Idee kam übrigens nicht von mir. Sie kam aus dem Alltag. Auf meinem Pult lag immer ein Metall-Kreidehalter. Elf Euro. Schwer, wertig, irgendwie angenehm in der Hand. Und jede Stunde war er weg. Nicht zufällig. Immer hat ihn dieselbe Schülerin mitgehen lassen. Irgendwann kam ihre Frage: „Können wir den nicht alle haben?“ Das war der Moment. Also: Danke liebe M. für den Tipp!
Feste Zahlen statt „da hinten links“
Gerade bei jüngeren Klassen zeigt sich: Zu viel Offenheit erzeugt Unruhe. Also helfen kleine Zahlen, laminiert, farbig, hinten mit Magnetplättchen versehen und im Abstand von einem Meter an die Tafeln gesetzt. Die Idee dahinter ist das sogenannte Nudging.
Gruppe 1 bis 10. Je nach Raum.
Nicht mehr „bei der Tür“. Nicht „wo noch Platz ist“. Sondern: Gruppe 7 steht bei der 7.


Das schafft Klarheit. Und erstaunlich viel Identität. „Wir sind heute 3.“ Das klingt unscheinbar, wirkt aber stabilisierend. Struktur nimmt Diskussion raus.
Der rote Meter
Was man unterschätzt: Gruppen dehnen sich aus. Je voller die Klasse, desto mehr wird Platz „mitgenutzt“. Ein Schritt nach links, noch ein bisschen hier rüber – und plötzlich ist das Nachbarfeld halb besetzt.
Erst habe ich magnetische Bilderklemmleisten für Poster als physische Grenze genutzt. Funktionierte mittelmäßig.
Einfacher ist es, oben an der Tafelleiste im Meterabstand kleine rote Klebestreifen zu setzen. Unten hält es wegen Feuchtigkeit nicht gut. Oben funktioniert es.


Diese Markierungen reichen.
Hier ist die Grenze.
Dort beginnt die nächste Gruppe.
Kein großes Regelwerk. Nur ein roter Punkt.
Zeit sichtbar machen
Ein weiterer Tweak, der mehr Wirkung hat, als man zunächst denkt: sichtbare Zeituhren im Raum.
Nicht „Ihr habt noch kurz“. Nicht „Beeilt euch mal“. Sondern echte, präsente Zeit.
Große Timer an der Wand. Für alle sichtbar. Es gibt günstige Varianten, es gibt hochwertigere Modelle. Auch diese lassen sich – wenn möglich – über Programme wie Startchancen anschaffen. Entscheidend ist nicht das Modell, sondern die Sichtbarkeit.
Zeit zu visualisieren verändert Arbeit.
Im Denkenden Klassenzimmer sorgt das für produktiven Druck. Kein Stress, kein Panikmodus – aber Klarheit. Wenn 7 Minuten laufen, dann laufen 7 Minuten. Man sieht sie schrumpfen. Diskussionen werden fokussierter. Entscheidungen werden getroffen. Niemand verliert sich ewig im Detail.


Ich habe dazu an anderer Stelle bereits mal ausführlicher geschrieben – den Artikel gibt es »hier«.
Im Denkenden Klassenzimmer ist sichtbare Zeit kein Gimmick. Sie ist Struktur. Und Struktur schafft Produktivität.
Zufallsgruppen ohne Theater
Die Gruppeneinteilung läuft bei mir über eine Zufalls-App (z.B. Zufallsgenerator). Klassen anlegen, anwesende Lernende anklicken, Gruppen jede Stunde neu generieren. Kolleg:innen können Klassen importieren. Die generierten Gruppennummern passen zu den Nummern an der Tafel.
Kein Diskutieren. Kein „Ich wollte aber mit…“. Der Zufall ist unbestechlich.
Ja, man kann das auch analog lösen, wie es Peter Liljedahl empfiehlt. Aber im Alltag zählt für mich einfach Funktionalität und Tempo. Wenn etwas zuverlässig funktioniert, bleibt man dabei.
Sicherung per QR-Code und Padlet
Für die Ergebnissicherung eignen sich Plattformen wie Padlet oder TaskCards. Ein großer QR-Code hängt dauerhaft im Raum. Die Gruppen fotografieren ihr Tafelbild und laden es hoch. Ich als Lehrer hinterlege ebenso die Aufgaben der Stunde, Merksätze, Zusatzaufgaben, Musterlösungen auf der Plattform.

Mir hilft das bei der Vorbereitung und Nachbereitung meiner Stunden enorm.
Einen Artikel dazu habe ich »hier« geschrieben.
Bonus-Tipp: Der Mathe-Werkzeugwagen
Es gibt Themen, da reicht Kreide allein nicht. Funktionen zum Beispiel. Wenn Lernende Graphen an die Tafel zeichnen, sieht das Koordinatensystem aus wie nach einem leichten Erdbeben. Linien schief, Achsen krumm, Skalierung Pi mal Daumen. Oder beim Thema Kreis: Freihand ist romantisch, aber kein Kreis.
Vertikales Arbeiten heißt nicht: Wir verzichten auf Präzision.
Also brauchte es einen nächsten Schritt.
Ich bin Startchancen-Koordinator an unserer Schule. Und irgendwann dachte ich: Wenn wir schon Wände haben, dann brauchen wir auch Werkzeug. Richtiges Werkzeug.
Also habe ich mir einen mobilen Wagen gebaut. Besser gesagt: vier.
Basis sind Eurokisten. Diese robusten Kunststoffkisten, die man stapeln kann wie Lego für Erwachsene. Manche Modelle lassen sich unten mit Rollen versehen. Genau das habe ich gemacht. Drei Kisten übereinander, modular erweiterbar. Kein Designerstück, sondern funktionales Gerät.
In diesen Wagen liegen:
- zehn Tafel-Geodreiecke
- zehn Tafelzirkel
- zehn magnetische Koordinatensysteme




Wenn eine Aufgabe es erfordert, geht eine Person aus der Gruppe zum Wagen, holt das passende Werkzeug, nutzt es, bringt es zurück. Kein Theater. Keine „Wer hat den Zirkel?“. Kein Improvisieren mit schiefen Hilfslinien.
Gerade bei Funktionen ist das ein Unterschied. Ein sauber gezogenes Koordinatensystem verändert die Diskussion. Plötzlich geht es um Steigung und Schnittpunkte – nicht um „Ist das jetzt ungefähr richtig?“.
Beim Kreis genauso. Mit einem Tafelzirkel ist ein Kreis ein Kreis. Nicht ein ovaler Wunschtraum.
Und das System ist erweiterbar. Die Eurokisten lassen sich problemlos ergänzen. Eine weitere Kiste oben drauf – zum Beispiel für Mathekörper, Modelle, Netze oder anderes Anschauungsmaterial. Modular statt festgezurrt. Wenn ein Thema mehr braucht, wächst der Wagen mit.
Das ist ein Pro-Tipp. Und ja, das ist kostenintensiver als ein Pack Kreidehalter. Wir haben vier dieser Wagen gebaut, jeweils einen pro Flur. So kann jede Kollegin, jeder Kollege sich das Ding einfach nehmen, wenn es gebraucht wird.
Fazit: Es sind die Details
Manches davon ist simpel. Plastikhalter. Laminierte Zahlen. Klebestreifen. Manches ist größer. Rollwagen mit Geometriewerkzeug. Magnetische Koordinatensysteme. Modulare Eurokisten. Nicht alles ist billig. Nicht alles ist in fünf Minuten gebaut. Aber alles folgt derselben Logik: Reibung reduzieren. Fokus erhöhen. Diskussion erzwingen. Präzision ermöglichen.
Das Denkende Klassenzimmer steht nicht auf Postern und Parolen. Es steht auf durchdachten Details. Auf klaren Grenzen. Auf einem Stift pro Gruppe. Auf Werkzeug, das Denken ernst nimmt. Und manchmal beginnt bessere Unterrichtsqualität nicht mit einer neuen Methode – sondern mit der Frage einer Schülerin:
„Können wir sowas nicht alle haben?“

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