Über Bildschirmzeit, Armut und die überraschende Rückkehr des Lesens an einer Hauptschule

Man muss eine Sache ehrlich sagen, bevor man über Bildschirmzeit spricht: Das Handy ist ein verdammt günstiges Mittel zur Beschäftigung. Es kostet fast nichts. WLAN gibt es irgendwo immer. Und wenn zu Hause wenig ist – wenig Raum, wenig Geld, wenig Möglichkeiten –, dann ist der Bildschirm oft das Einzige, was bleibt. Armut zeigt sich nicht nur im Geldbeutel, sondern auch als kulturelle Armut. Wenn da nichts ist, keine Bücher, keine Vereine, keine Orte, dann verbringt man seine Zeit eben vor dem Handy. Nicht, weil man blöd ist, sondern weil es naheliegt.

Und genau das ist das Bittere: Der Bildschirm gibt einem nichts zurück. Er nimmt einem Zeit. Und zwar von dem wenigen Leben, das man in so einer Situation überhaupt zur Verfügung hat.

Ich habe meine eigene Bildschirmzeit reduziert, ohne daraus ein Selbstoptimierungsprojekt zu machen. Ich habe sie reduziert, weil ich gemerkt habe, dass mein Kopf dauerhaft belegt war. Arbeit, dann Scrollen. Input, dann noch mehr Input. Ich war müde, aber nicht ruhig. Beschäftigt, aber innerlich leer. Also habe ich während der Weihnachtsferien einen ziemlich unromantischen Schnitt gemacht: Dienst raus aus dem Privathandy, alles auf mein iPad mini, Geräte entkoppelt, alle Benachrichtigungen abgeschaltet. Kein Feintuning. Kein Trick. Einfach raus.

Mein privates Handy liegt seitdem stabil unter einer Stunde am Tag – inklusive WhatsApp, Anrufen und allem anderen. Und der eigentliche Effekt ist nicht die Zahl, sondern das Gefühl dahinter. Mein Kopf ist wieder ein Ort, an dem Gedanken bleiben dürfen. Nicht alles wird sofort vom nächsten Reiz weggespült. Mir geht es besser.

Acht Bücher in einem Monat – ohne Urlaub, ohne Trick

Was mich selbst am meisten überrascht hat: Ich hatte plötzlich Zeit. Wirklich Zeit. Keine „Zeit, wenn alles erledigt ist“, sondern Zeit mitten im Alltag. Ich habe im Januar acht Bücher gelesen. Acht. Das habe ich früher nicht einmal in den Sommerferien geschafft. Nicht, weil ich weniger lesen wollte, sondern weil Lesen immer gegen etwas antreten musste: gegen das Handy, gegen die Müdigkeit, gegen dieses diffuse Bedürfnis nach noch mehr Input.

Jetzt war Lesen einfach da. Als Option. Als Einladung. Und genau da habe ich gemerkt, was Bildschirmzeit eigentlich macht: Sie frisst nicht nur Minuten, sie frisst Tiefe.

Wenn man selbst rausgeht, sieht man plötzlich, wer noch drinsteckt

Diese Klarheit ist unangenehm. Sobald man selbst aus dem Bildschirm rausgeht, sieht man umso deutlicher, wer noch komplett drin ist. Bei mir waren das meine Kids, meine beiden 9. Klassen. Sie essen, schlafen, stehen auf. Sie sind keine andere Spezies. Der Unterschied liegt nicht im Charakter, sondern im Alltag. Das Handy ist kein Werkzeug mehr, es ist Struktur.

Ich trage inzwischen keine Smartwatch mehr, sondern eine Casio F91W. Alt, billig, Kult. Und natürlich fragen meine Kids danach. Also habe ich erzählt, warum ich das geändert habe. Nicht als Vortrag, sondern als ehrliche Beobachtung: dass mich das Dauergepiepe nervös gemacht hat, dass ich ständig erreichbar war, ohne wirklich präsent zu sein, und dass ich gemerkt habe, wie sehr mich das Ding steuert.

Gespräche mit meiner Klasse

Das Gespräch ist dann ziemlich schnell gekippt. Weg von „Lehrer erzählt von sich“ hin zu einer Frage, die meine Kids sofort ernst genommen haben: Wer steuert hier eigentlich wen? Wir haben über Bildschirmzeit gesprochen, aber nicht als Frontalthema, sondern eingebettet in unser Denkendes Klassenzimmer. Viel reden lassen. Viel nachdenken lassen. Wenig vorgeben.

Ich habe keine Texte verteilt und keine Materialschlacht eröffnet. Wir haben ein, zwei kurze Beiträge geschaut, insgesamt vielleicht zwanzig Minuten. Nicht mehr. Der eigentliche Kern lag danach: im Diskutieren, im Sortieren, im Aushalten von Gedanken. Dieses Gefühl, dass einem alles schnell langweilig wird. Dass man an der Bushaltestelle nicht einfach stehen kann, ohne etwas in der Hand zu haben.

Gerade für meine muslimischen Kids war ein Punkt zentral, der sich aus den Gesprächen heraus entwickelt hat: Bildschirmzeit als Suchtmechanismus. Das Hany ist eine Droge wie Alkohol. Etwas, das dich lenkt, obwohl du glaubst, selbst zu entscheiden. Da war plötzlich Ruhe im Raum. Kein Augenrollen. Kein Abwehrreflex. Eher dieses stille Nicken, wenn man merkt: Ja, das kenne ich. Das habe ich auch.

Das Buch, das meinem Denken den Rahmen gegeben hat

Parallel dazu habe ich selbst viel gelesen, unter anderem ein Buch, das mir den größeren Zusammenhang klar gemacht hat: 10 Rules for Raising Kids in a High-Tech World von Jean M. Twenge. Keine Panikmache, keine Nostalgie. Daten, Entwicklungen, Langzeitbeobachtungen. Und die unbequeme Erkenntnis: Unsere Kids haben eine fundamental andere Kindheit. Nicht ein bisschen anders, sondern strukturell. Bildschirmzeit ist nicht nur Zeit, sie formt Körper, Aufmerksamkeit und Denken.

Wenn meine Kids freiwillig TikTok löschen

Ich habe niemandem gesagt, er oder sie müsse Social Media löschen. Das wäre lächerlich gewesen. Aber wir haben darüber gesprochen, was passiert, wenn man Dinge testweise weglässt. Nicht für immer. Nicht ideologisch. Einfach, um zu merken, was dann da ist.

Ein paar Tage später kamen die ersten aus meiner eigenen Klasse und sagten, sie hätten ihre Accounts gelöscht. Dann noch jemand. Dann mehrere. Am Ende waren es über 15. TikTok, Insta, Snapchat – alles weg. Auch aus der Parallelklasse einzelne, obwohl ich mit denen längst nicht so intensiv gearbeitet habe.

Und dann kam die ehrlichste Frage überhaupt:
„Herr Kaucke, was machen wir jetzt eigentlich den ganzen Tag?“

Genau da wurde mir klar: Bildschirmzeit zu reduzieren ist kein Ziel. Es ist nur der Anfang. Wenn man nichts anbietet, entsteht keine Freiheit, sondern Leere. Und Leere hält niemand lange aus.

Keine Hobbys ist kein Charakterproblem, sondern Realität

Hier kommt ein altes Problem ins Spiel, das sich plötzlich verschärft hat. Meine Kids haben keine Hobbys. Nicht, weil sie keinen Bock haben, sondern weil Hobbys Geld kosten. BMX-Bike, Verein, Musik – alles teuer. Punkt. Meine Kids sind arm. Und das ist keine Metapher.

Wenn zu Hause wirklich nichts ist, wenn die Umgebung beschissen ist, wenn es keinen Ort gibt, an dem man sein kann, dann landet man zwangsläufig beim Bildschirm. Nicht aus Dummheit, sondern aus Mangel an Alternativen. Und genau deshalb ist es zu kurz gedacht, einfach nur „weniger Handy“ zu fordern.

Also musste ich mir eine ehrliche Frage stellen: Was frisst Zeit, ohne zwingend Geld zu kosten?
Die Antwort kam aus meiner eigenen Biografie. Lesen.

Aber Lesen fällt nicht vom Himmel. Wenn ich Lesen als Hobby einführen und attraktiv machen will, dann kann ich das nicht im luftleeren Raum erwarten. Dann muss ich in meiner Sozialindex 9 Hauptschule anfangen. Ich muss einen Ort schaffen, an dem meine Kids dieses Hobby überhaupt erst ausprobieren können – ohne Verpflichtung, ohne Bewertung, ohne sofortigen Leistungsdruck. Wenn ich will, dass Lesen später in den Alltag getragen wird, dann muss es bei uns erst einmal Alltag werden dürfen. Das war die Grundidee dahinter.

Lesepause für die Stufe 9 – kein Konzept, eine klare Regel

Ich habe meine eigene Mittagspause genommen – die, in der ich sonst im Lehrerzimmer gesessen und aufs Handy geschaut habe – und habe sie geöffnet. Nicht nur für meine Klasse, sondern für die gesamte Stufe 9, also beide Klassen. Kein Projekt. Kein Antrag. Kein Konzeptpapier. Einfach ein Angebot: Wer ein Buch hat, kann kommen, sich hinsetzen, lesen. Warm. Ruhig. Statt draußen in der Kälte eine Stunde rumzustehen.

Die Regel war von Anfang an klar und nicht verhandelbar: Wer redet, geht. Fertig.

Am Anfang war das eher ein vorsichtiges Reinschnuppern. Ein paar Kids kamen, setzten sich hin, lasen. Und dann kam sehr schnell der Satz, der im Nachhinein alles ins Rollen gebracht hat:
„Wir würden ja kommen – aber wir haben keine Bücher.“

Bibliothek? Möglich. Theoretisch. Praktisch aber wieder eine Hürde. Und wenn man wirklich etwas verändern will, müssen die Einstiegshürden so niedrig sein, dass sie fast peinlich sind. Alles andere ist eine Einladung zum Aussteigen.

Also habe ich Bücher gekauft. Nicht die alten Pferdebücher aus der Schulbibliothek, sondern Bücher, die meine Kids wirklich abholen wie: Mama, bitte lern Deutsch oder Wie werde ich reicher als meine Eltern. Über den Förderverein. Privat. Über Startchancen.

Und dann kam der Teil, über den niemand gerne spricht, der aber darüber entscheidet, ob so etwas länger als zwei Wochen hält Orga. Ich habe die Bücher einfoliert. Alle. Nicht hübsch, sondern haltbar. Bibliotheksstyle. Damit sie nicht nach der dritten Ausleihe aussehen wie ein Streitfall. Ich habe QR-Codes reingeklebt, ein kleines Ausleihsystem über unsere Schul-App angelegt, Namen, Daten, fertig. Kein Hexenwerk, aber Arbeit. Abends. Nebenbei. Still.

Das war kein romantischer Akt, sondern mitgedachte Schadensbegrenzung. Wenn Bücher ständig verschwinden oder sofort kaputt sind, stirbt so ein Projekt leise. Also habe ich versucht, es von Anfang an so aufzubauen, dass es funktioniert, nicht nur gut gemeint ist.

Und genau dadurch wurde aus „ein paar Büchern im Raum“ langsam das, was meine Kids auch so wahrnehmen: eine echte kleine Bibliothek, die ihnen gehört. Und genau aus diesem Moment – aus meiner eigenen Pause, aus diesem einen Satz „Wir haben keine Bücher“ – hat sich dann der ganze Rest entwickelt.

Vom Pausenangebot zum Literaturkreis

Erst saßen da ein paar Kids. Dann mehr. Inzwischen sitzen in manchen Pausen knapp 20 aus der Stufe 9 da und lesen. Richtig. Nicht halb. Nicht nebenbei. Kids, die früher acht Stunden am Bildschirm hingen, lesen jetzt ein Buch pro Woche. Sie schleppen 600-Seiten-Bücher mit sich rum, reden darüber, tauschen, gehen in die Bibliothek, kaufen alte Restbestände für 50 Cent und verleihen sie untereinander. Ich verstehe die Welt nicht mehr.

Sicher, ich hole nicht alle ab. Aber das muss ich auch nicht. Aus einer Kleinigkeit ist etwas Größeres entstanden. Und ich merke im Unterricht: mehr Ausdauer, etwas bessere Sätze, mehr Fragen, etwas mehr Wortschatz.

Wenn Lesen nach Hause schwappt

Eine Schülerin sagte neulich:
„Meine Familie hat mich erst für total bekloppt gehalten. Jetzt sitzen wir abends alle zusammen und lesen.“

Solche Sätze plant man nicht. Die passieren. Und sie zeigen, dass das hier nicht nur Schule ist, sondern Alltag.

Wenn Kolleg:innen mitziehen

Ich habe davon im Lehrerzimmer erzählt. Kolleg:innen haben sofort gesagt: Wir machen mit. Inzwischen können meine 9er in allen Mittagspausen einfach eine Stunde lesen. Ohne Projektantrag, ohne Fortbildung, ohne pädagogischen Overkill.

Die Idee für die Zukunft ist da: Wenn sich das bewährt, warum nicht auf andere Klassen ausdehnen? Warum nicht jede Klasse mit einer kleinen, modernen Klassenbibliothek ausstatten? Ja, das ist Arbeit. Ja, das ist Bürokratie. Und ja, ich stehe da ganz am Anfang. Der Punkt ist für mich der iterative Charakter: ausprobieren, beobachten, nachsteuern. Prozesse entstehen im Prozess. Was trägt, bleibt. Was nicht funktioniert, wird angepasst oder verworfen. Aber ich sehe gerade, dass aus kleinen, ehrlichen Schritten etwas entstehen kann, das größer ist als die ursprüngliche Idee.

Der Unterschied liegt im Wie

Mir ist völlig klar, dass diese Idee nicht neu ist. Klassenbibliotheken und Lesepausen gibt es seit Jahren, viele Kolleg:innen investieren Zeit, Geld und Mühe, und das will ich ausdrücklich nicht kleinreden. Der Unterschied liegt für mich nicht im Was, sondern im Wie. Viele dieser Ansätze scheitern nicht an den Kids, sondern daran, dass sie von Anfang an zu pädagogisch, zu normativ, zu belehrend gedacht sind.

Ich habe versucht, ein paar Dinge anders zu machen. Zum einen rede ich offen mit meinen Kids. Ich stelle mich nicht darüber. Ich versuche nicht zu belehren und ich versuche zuzuhören. Wenn man die Lebenswelt der Kinder nicht ernst nimmt und nicht versucht, aus ihrer Perspektive zu denken, ist man sofort raus.

Ich verurteile meine Kids auch nicht für das, was sie lesen. Manga, Comic, Liebesroman, Thriller – es ist mir egal. Im Rahmen der Verfassungstreue ist alles in Ordnung. Hauptsache, sie lesen freiwillig. Dazu gehört auch, dass sie mitentscheiden dürfen: Bücher aussuchen, Wünsche äußern, Interessen einbringen. Viele Bücher, die Lehrer:innen empfehlen, stammen aus ihrer eigenen Kindheit. Gut gemeint – aber oft komplett vorbei an der Lebensrealität meiner Kids. Wenn etwas freiwillig funktionieren soll, muss es attraktiv sein, nicht belehrend.

Und genauso wichtig: Ich verurteile sie auch nicht, wenn sie nicht lesen. Lesen ist hier kein Maßstab für Wert, kein Zeichen von „guten“ oder „schlechten“ Schüler:innen. Es ist ein Angebot. Wer kommt, kommt. Wer noch nicht so weit ist, macht es eben nicht. Ohne Kommentar, ohne Druck, ohne Liste im Kopf. Freiwilligkeit funktioniert nur, wenn sie echt ist.

Fazit

Ich habe in den letzten Wochen gelernt, dass weniger Bildschirm nicht automatisch mehr Leben bedeutet. Es bedeutet erst einmal Leere. Und Leere ist nichts Romantisches, schon gar nicht für meine Kids. Wenn man ihnen etwas wegnimmt, ohne etwas zurückzugeben, entsteht kein Raum, sondern Frust. Genau daran scheitern viele gut gemeinte Debatten.

Was bei uns funktioniert hat, war nicht das Reduzieren, sondern das Ersetzen. Nicht Moral, sondern Angebot. Nicht Verbot, sondern Möglichkeit. Lesen war dabei kein pädagogischer Heilsbringer, sondern schlicht das einzige Hobby, das Zeit frisst, nichts kostet und trotzdem etwas zurückgibt: Konzentration, Sprache, Ruhe, Welt.

Dass ich plötzlich acht Bücher im Monat lese, ist kein Beweis für Disziplin. Es ist ein Beweis für Struktur. Und dass meine Kids anfangen zu lesen, ist kein Wunder. Es ist das Ergebnis niedriger Hürden, eines Ortes, an dem sie ausprobieren dürfen, und Erwachsener, die nicht predigen, sondern mitmachen.

Ich hole nicht alle ab. Muss ich auch nicht. Aber aus ein paar kleinen Entscheidungen ist in meiner Stufe etwas Größeres entstanden. Nicht geplant. Nicht perfekt. Aber echt.

Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis:
Weniger Bildschirm reicht nicht.
Man muss etwas zurückgeben, das sich lohnt.

Und manchmal reicht dafür ein Raum, ein Buch und die Erlaubnis, einfach mal still zu sein.

Ich komme auf all das selber immer noch nicht klar.

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