Über diesen Lehrerblog

Ich schreibe diesen Blog, weil ich im Unterricht ständig gegen dieselbe verdammte Wand renne: Ich will, dass meine Schüler:innen wirklich etwas lernen – und bekomme Arbeiten zurück, bei denen am Ende ein Schnitt von 5,1 auf dem Papier klebt. Das ist dann der Moment, in dem man sich entscheiden kann: redet man sich den Mist schön oder schaut man hin?

Klar, ich könnte es mir leichter machen. Aufgaben vereinfachen. Stoff zusammenstreichen. Erwartungen in den Keller schicken. Dann sähe das Ergebnis vielleicht weniger katastrophal aus. Aber mal ehrlich: Das wäre doch nur Beschiss mit freundlichem Gesicht. Die Zahlen wären hübscher, das Verständnis nicht. Und genau auf diesen Bullshit habe ich keine Lust.

Natürlich erzählt ein Schnitt nicht die ganze Wahrheit. Er zeigt nicht, wer sich von komplett verloren zu halbwegs orientiert vorgearbeitet hat. Er zeigt nicht die Mini-Fortschritte, die im Alltag dauernd untergehen. Aber er ist eben auch kein belangloser Zufallswert. Wenn am Ende fast alle abschmieren, dann kann ich noch so lange von Lernprozessen, Beziehungen und individueller Entwicklung reden – irgendwann muss ich mich fragen, ob mein Unterricht wirklich trägt oder ob ich mir da einfach eine nette Geschichte über mich selbst erzähle.

Die Ausgangslage ist dabei nicht nett, nicht inspirierend und schon gar nicht Insta-tauglich. Viele meiner Schüler:innen können auch in Klasse 10 keine Uhr lesen, schreiben Sätze, als würden ihre Buchstaben unterwegs gegenseitig überfallen, und lesen Texte, ohne auch nur im Ansatz zu kapieren, worum es geht. Manche kommen nicht, weil sie Bock auf Bildung haben, sondern weil sonst irgendwo Ärger wartet.

Und ausgerechnet in dieser Lage soll Unterricht funktionieren. Nicht als pädagogisches Wunschkonzert, sondern echt. Nicht in der Fortbildung, nicht zwischen Warm-up, Murmelphase und Reflexionsrunde, nicht in dem üblichen Seminargerede, wo jeder zweite Satz nach Motivationsposter klingt. Sondern Montagmorgen, Hauptschule, erste Stunde, November, alle müde, zehn ohne Heft, sieben zu spät, fast alle geistig noch im Bett. Da muss es halten. Oder eben nicht.

Ich habe diesen Blog Anfang 2025 gestartet, weil mir das essayistische Schreiben hilft, den ganzen Kram nicht zu verdrängen. Nicht, weil ich hier die große Lösung präsentiere. Eher im Gegenteil. Ich schreibe, weil mir die Fragen irgendwann zu laut wurden. Was habe ich ausprobiert? Was hat funktioniert? Was war bloß Zufall? Wo habe ich Mist gebaut? Und welche Fehler wiederhole ich in drei Wochen wieder, wenn ich sie nicht irgendwo festnagel? Dieser Blog ist im Kern ein Protokoll von genau diesem Versuch: weniger Selbsttäuschung, mehr Klarheit.

Es gab noch einen zweiten Grund, und den will ich nicht schönreden: Ich hatte irgendwann einfach Schiss vor dem Gedanken, noch jahrzehntelang in diesem Beruf herumzulaufen und dabei innerlich langsam zu verholzen. Gereizt. Zynisch. Kurz angebunden. So eine Lehrkraft, die schon beim Reinkommen die Raumtemperatur um drei Grad senkt. Man kennt diesen Typus. Ich wollte nicht enden wie eine menschliche Mischung aus Dienst nach Vorschrift und schlechter Laune. Der Blog ist deshalb auch Selbstverteidigung. Gegen Abstumpfung. Gegen das ewige „macht man halt so“. Gegen diese leise Verhärtung, die sich einschleicht, wenn man nicht aufpasst.

Wer hier schreibt

Ich bin Christophe. Seit 2019 unterrichte ich Mathematik und Sozialwissenschaften an einer Hauptschule in NRW – offiziell „herausfordernde Lage“, praktisch: ein Umfeld mit sehr besonderen Aufgaben und Herausforderungen. Bevor ich Lehrer wurde, war ich viele Jahre im Politik-Zirkus unterwegs: Wahlkämpfe geleitet, Politik-Beratung, Arbeit an einem Institut für Demokratie- und Partizipationsforschung, Bürgerbeteiligungsverfahren. Heute bin ich an meiner Schule Klassenlehrer, Fachkonferenzvorsitzender für Mathematik, Startchancen-Koordinator und zuständig für fast alles Digitale.

Dieser Blog ist mein Versuch, das alles offen festzuhalten: den Frust, die Umwege, die kleinen Fortschritte, die Fehlversuche und die Momente, in denen etwas plötzlich doch funktioniert. Nicht als Hochglanz-Erzählung. Nicht als pädagogisches Schaulaufen. Eher als Werkstattbericht mit Macken. Ich habe dabei ein ziemlich banales Ziel, das mir trotzdem ernst ist: Ich will irgendwann eine Mathearbeit zurückbekommen mit einem 3,9er Schnitt – nicht, weil ich alles weichgespült habe, sondern weil wirklich mehr verstanden wurde. Kein Wunder. Kein Zauber. Einfach echter Fortschritt.

In den letzten Monaten hat sich für mich dabei ein Ansatz herauskristallisiert, in dem sich vieles bündelt, was mir bisher gefehlt hat: Building Thinking Classrooms nach Peter Liljedahl, auf Deutsch meist „Denkende Klassenzimmer“. Ich halte das nicht für eine Erlösungsreligion. Dafür hat Schule zu viele Baustellen. Aber es ist für mich gerade die überzeugendste Spur, weil der Ansatz an einer entscheidenden Stelle nicht rumeiert: Er organisiert Unterricht so, dass Denken wahrscheinlicher wird. Weniger Lehrkraft-Monolog. Weniger passives Absitzen. Weniger dieses tote „Habt ihr das verstanden?“ in einen Raum voller höflich nickender Ahnungslosigkeit. Mehr Reibung. Mehr Aktivität. Mehr Struktur, die nicht nur gut klingt, sondern trägt.

Ob das dauerhaft funktioniert? Keine Ahnung. Werde ich sehen. Genau deshalb gibt es diesen Blog.

Willkommen.